1. Die Gedanken sind frei – Teil III

    07.04.2013 /// /


    Der dritte Teil der Artikelserie über den beschwerlichen Werdegang der deutschen Phantastik befasst sich voll und ganz mit den übereifrigen 68ern:

    Nie wieder und weiter so

    Die allzu pädagogischen, sittlich-strengen und bevormundenden Kontinuitäten aus der Vorkriegszeit konnten im allgemeinen gesellschaftlichen Umbruch Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre zwar zu großen Teilen überwunden werden, doch im emanzipatorischen Widerstand der sich auflehnenden jungen Generation geriet jegliche Form von Tradition in Misskredit – dies bekam auch die sich zaghaft aufrappelnde deutsche Phantastik zu spüren:

    a) Science-Fiction

    Besonders das Science-Fiction-Genre bot, wie im ersten Teil bereits angerissen, durch seine Beschäftigung mit Zukunftstechnologien und -waffen sowie durch die Darstellung möglicher Kriege mit Außerirdischen eine Angriffsfläche. Gleichzeitig gab es, wie im zweiten Teil erläutert, Bemühungen aus den Ostblock-Staaten, eine alternative, “humanistischere” Form von Science-Fiction zu etablieren, die ohne solche Story-Elemente auskam. Science-Fiction nach den bestehenden und bekannten Mustern, wie die “Perry Rhodan”-Heftreihe (seit 1961) oder die nach 7 Folgen abgesetzte Fernsehserie “Raumpatrouille” (1966), wurde daher von tonangebenden linken Studenten, Kritikern und Intellektuellen als militaristisch und faschistoid bekämpft. Die Vorwürfe fußten dabei durchaus auf einer gewissen Grundlage – die frühen Perry-Rhodan-Geschichten waren z.B. noch von Vorstellungen des Ordnung bringenden Obrigkeitsstaats erfüllt und ließen daher u.a. die Titelfigur als unsterblichen Anführer über Jahrhunderte die Geschicke der Menschheit leiten und zum Schutze derselben einen expansionistischen Eroberungskurs in der Galaxis führen. Und auch die Serie “Raumpatrouille” war geprägt von militärischer Handlung.
    Doch anstatt solche Erzählsettings als klassische, archaische SciFi-Elemente zu erkennen, die es eventuell zu modernisieren und weiterzuentwickeln galt, glaubte man darin eine Saat entdeckt zu haben, die den Aufstieg des Nationalsozialismus im deutschen Volk mitzuverantworten hatte. Abermals geriet somit das eigene subversive Potenzial der Phantastik ihr zum Verhängnis.


    "Ein extremes Beispiel lieferte Hubert Bacia mit seinem bereits erwähnten Artikel: 'Das fünfhundertjährige Reich des Perry Rhodan und seine Jünger', der im Mai 1969 in 'konkret' erschien. Bacia schaffte es, buchstäblich alles, was mit PR in Zusammenhang steht, im Sinne seiner vorgefaßten Meinung umzuinterpretieren. Egal, ob er euphorische Auszüge aus Leserbriefen oder einen Rüttelreim aus dem Perry-Rhodan-Slogan-Wettbewerb zitiert, [...], oder sogar Seitenhiebe auf die Kleinanzeigen (!) in den Heftromanen anbringt - alles dient ihm als Beleg dafür, daß Perry Rhodan 'faschistisch ausbeutbare Gefühle produziert' und die bestehenden (kapitalistischen) gesellschaftlichen Verhältnisse zementiert. Die Beispiele für tatsächliche 'rechte' oder autoritäre Tendenzen in PR, die er anführt, machen nur einen kleinen Teil des Artikels aus - viel weniger, als der Autor für die Selbstdarstellung seiner politischen Weltsicht benötigt.
    Perry Rhodan war bei ihm und anderen nicht mehr nur eine Romanserie mit kritikwürdigen Tendenzen - sie war Teil ihres 'linken' Feindbildes geworden. "

    Als besonders ideologisiert stach damals die Zeitschrift “Science Fiction Times” heraus, welche mit großem Übereifer auf alle reaktionär anmutenden Zukunftsromane einschlug. Original-Rezensionen aus jener Zeit sind heute nicht einfach zu finden, doch in der Jubiläumsausgabe von 1984 räsonierte der ehemalige Chefredakteur Hans Joachim Alpers z.B. durchaus selbstkritisch:

    "Einige Leute haben der Zeitschrift vorgeworfen, sie sei heute weniger kritisch, weniger engagiert, weniger politisch. Abgesehen davon, daß darunter einige Heuchler sind, denen ich eine als solidarisch ausgegebene Kritik nicht abnehme, weiß ich, daß einige respektable Uraltleser wohl tatsächlich manchmal den 'Biß' früherer Jahre vermissen. Aber, Freunde, werft doch bitte nicht der SFT vor, daß die alten romantischen APO-Tage vorbei sind – wir können doch auch nichts dafür.
    [...]
    Ein kritisches Blatt ist die SFT ohne Zweifel geblieben – mit der positiven Neuerung, daß heute oft mehr politischer und literarischer Sachverstand hinter dem steckt, was hier veröffentlicht wird, und auf aggressive Rundumschläge oder diskriminierende Abqualifizierungen einzelnen Personen (so gut wie) verzichtet wird. Mag sein, daß dies auf Kosten der Spontaneität geht – wenn man Spontaneität so versteht, daß ohne große Sachkenntnis undurchdacht Leute fertiggemacht werden oder letzte, noch unverstandene angelesene Erkenntnisse als vorgebliche Analyse eines SF-Romans unters Volk gebracht werden."

    "Die Redaktionskonferenzen waren, laut Hahn, an ideologischem Wortgeklingel reich und hätten vermutlich jedem Parteitag Ehre gemacht - denn 'wir waren nämlich nicht nur beinharte SF-Fans, sondern auch beinharte Linke'. Sie wollten Anfang der siebziger Jahre die Science Fiction 'benutzen', um aufklärerisch auf die Konsumenten zu wirken. Unter der ideologischen Lupe vergrößerten sich die rechten Tendenzen, die es in Perry Rhodan damals ab und zu gab, schnell zu wahren Monstren reaktionärer Gesinnung, die entsprechend gnadenlos bekämpft wurden."

    Die “Perry Rhodan”-Reihe entwickelte sich jedenfalls im Laufe der Jahre immer weiter, löste sich von alten Erzählmustern – und wer weiß, ob nicht auch “Raumpatrouille” nach dem Vorbild der in den USA fast zeitgleich gestarteten Fernsehserie “Raumschiff Enterprise” (1966-1969) noch egalitärere und humanistischere Züge übernommen hätte und sich damit in eine ähnliche erfolgreiche Mischung aus Kriegsschiff und Forschungsschiff gewandelt hätte. Eine weitere an Erwachsene gerichtete, ernsthafte Science-Fiction-Serie aus Deutschland sollte es so bald nicht wieder geben – erst 1997 wieder in Form der kanadisch-deutsch-britischen Koproduktion “LEXX – The Dark Zone”.

    Im Filmbereich kam es in den 70er Jahren unter dem Einfluss des politischen Zeitgeists und durch die Beispiele aus den Ostblock-Staaten zu einer Entwicklung hin zum Social-Science-Fiction: Zukunftsszenarien, die sich nicht mit dem Weltraum und neuen Technologien, sondern mit soziologischen Fragestellungen und ihren Auswirkungen auf das menschliche Zusammenleben auseinander setzten. Interessante Filme wie “Welt am Draht” (Rainer Fassbinder, 1973), “Smog” (Wolfgang Petersen, 1973) und “Operation Ganymed” (Rainer Erler, 1977) führten eine immer stärkere Hinwendung zum stilistischen Realismus und eine zunehmende Loslösung vom Genre-Kern durch. Diese Entwicklung versandete daher auch, ganz besonders aufgrund der epochal-opulenten Blockbuster-Filme von George Lucas (“Krieg der Sterne” 1977) und Steven Spielberg (“Unheimliche Begegnung der dritten Art” 1977, “E.T.” 1981), welche massenwirksam Science-Fiction mit Fantasy- und Märchen-Elementen verbanden und damit eine ganze Generation prägten.

    Einer der davon erfasst wurde, war Roland Emmerich (*1955), damals noch ein Szenenbild-Student an der Hochschule für Film und Fernsehen in München. Emmerich wechselte ins Regiefach und es gelang ihm mit “Das Arche Noah Prinzip” (1984) einen der teuersten deutschen Studentenfilme aller Zeiten umzusetzen. Sein Erstlingsfilm und weitere in Deutschland auf Englisch produzierte Genrefilme sowie das Aufeinandertreffen mit dem Schauspieler, Drehbuchautoren und Produzenten Dean Devlin in “Moon 44” (1990) lösten sein Ticket nach Hollywood. Doch nachhaltig blieb davon hierzulande nicht viel hängen, eher verstärkte es noch den verurteilenden Blick nach Übersee – schließlich ist gerade Roland Emmerich dafür bekannt, stark auf Schauwerte und Effekte zu setzen. Seine Abwanderung führte zu keinerlei Klagen in der deutschen Filmbranche und das Science-Fiction-Genre überließ man daraufhin komplett den Hollywood-Studios.

    b) Horror


    Leider sahen sich in den 60er und 70er Jahren auch die anderen Formen der Phantastik einer ähnlich militant aufklärerischen Haltung ausgesetzt: Die im Kino sehr erfolreichen Edgar-Wallace-Filme der Rialto Film (1959-1972) wurden zum Beispiel ebenfalls von Kritikern attackiert, was zum einen am düsteren Pulp-Charakter der teils phantastisch angehauchten Whodunit-Krimis und ihren Gewaltdarstellungen lag, und zum anderen an der Tatsache, dass viele alte Ufa-Stars aus der Zeit des Dritten Reichs in ihnen mitwirkten. Während in Übersee ein Mann namens Alfred Hitchcock den Zuschauern das Fürchten lehrte und trotz Zensurmaßnahmen die Grenzen des damals Erlaubten neu auslotete, gingen hierzulande manche sogar so weit, die Edgar-Wallace-Filme in ihrer Wirkung in die Nähe nationalsozialistischer Propagandafilme zu rücken. Und das, obwohl diese solche Verbrechensdarstellungen wohl kaum gestattet oder befürwortet hätten.

    "Von einigen Ausnahmen abgesehen waren die Edgar-Wallace-Filme somit die ersten seit den expressionistischen Filmen der Weimarer Republik, in denen sich im deutschen Kino wieder alles um Verbrechen und die Schattenseiten der menschlichen Existenz dreht"

    Alle Kritik konnte nichts daran ändern, dass die Filme nach den Karl-May-Verfilmungen zur erfolgreichsten deutschen Kinofilmreihe aller Zeiten wurden und heute Kultstatus im In- und Ausland einnehmen. Ein sehr prominenter Fan schlägt zum Beispiel heute sein Kapital aus seinem umfassenden Wissen und seiner großen Leidenschaft für solcherlei B-Movies. In Deutschland konnte jedoch seitdem nicht wieder daran angeknüpft werden – was daran liegen mag, dass sich das Krimi-Genre im Laufe der Zeit fast komplett auf das Fernsehen verlagert hat (z.B. “Tatort” ab 1970). Typischerweise besitzen die deutschen Krimi-Reihen aber bis heute keinen ausgeprägten Pulp-Charakter, setzen stattdessen auf nüchternen Realismus und pädagogisierende Themenkomplexe.

    "Krimi in Deutschland ist - völlig gegenteilig - schon immer 'social engineering' gewesen, die Arbeit an der Verbesserung des Gemeinwesens, personifiziert am bösen Verbrecher, der vom ethisch meist gefestigten, logisch operierenden Sachverstand des Ermittlers überführt wird. Denn Tat und Täter stehen hierzulande immer noch ein als Indizien für eine gesamtgesellschaftliche Problematik, einen allgemeinen Missstand, der im 'Fall' nur auf den Punkt gebracht ist: Die vernachlässigte Alleinerziehende, der schlimme Menschenhandel, die Korrumpiertheit der Mächtigen. Jeder gelöste Kriminalfall im deutschen Krimi ist darum auch ein Stück Sozialhygiene und bringt die Welt wieder ein Stück in Ordnung."

    Dass in diesem Klima kein nachhaltiger deutscher Horrorfilm entstand, der an die Entwicklungen in Großbritannien (Hammer-Filme), USA (George A. Romero begründete 1968 mit “Die Nacht der lebenden Toten” den Zombiefilm) und Italien (Mario Bava leitet durch seine expliziten Gewalt- und Sexualitätsdarstellungen die Entwicklung des italienischen Giallo und der amerikanischen Slasher-Filme ein) anzuknüpfen imstande gewesen wäre, erscheint nicht verwunderlich. Zwar gab es zahlreiche deutsch-europäische Koproduktionen, doch spielte sich dies vor allem im B-Movie- und Erotik-Exploitation-Bereich ab, was standesgemäß nicht gerade zu einer Aufwertung des Genres im Blick des Bildungsbürgertums führte.

    Auf der anderen Seite versuchten sich Arthouse-Regisseure wie Werner Herzog (“Nosferatu – Phantom der Nacht”, 1979) am Genre. Ähnlich wie im Science-Fiction-Bereich führte dies zu einer eher verkopften, artifiziellen Herangehensweise. Weitere Beispiele hierfür wären “Jonathan – Vampire sterben nicht” (1970) und “Die Zärtlichkeit der Wölfe” (1973).

    In den 80ern folgte eine neue Generation mit unter anderem Dominik Graf (“Das zweite Gesicht” 1982), Eckhart Schmidt (“Der Fan” 1982, “Loft – Die neue Saat der Gewalt”, 1985), Robert Sigl (“Laurin”, 1989) und Jörg Buttgereit, welcher mit seinen experimentellen Horror- und Splatterfilmen – insbesondere “Nekromantik” (1987) und “Nekromantik 2” (1991) – durchaus eine gewisse Bedeutung in der internationalen Rezeption errang. Doch eine nachhaltige Wirkung blieb auch hier jeweils aus, dafür waren die Vorstöße zu vereinzelt und nicht ausgegoren genug. Die Schranken bezüglich Gewaltdarstellung spielten hierbei sicher auch eine Rolle: kein deutscher Produzent wollte sehenden Auges einen Film drehen, der beschlagnahmt werden könnte. Buttgereit und Schmidt schrammten knapp am Verbot vorbei, den betroffenen ausländischen Filmen geriet dies jedoch dagegen oft zum Marketing-Vorteil.
    Denn aus den USA rollte schon längst die Slasher-Welle heran: Tobe Hooper (“Texas Chainsaw Massacre”, 1974) und John Carpenter (“Halloween”, 1978) schufen mit ihren entfesselten, mordenden, menschlichen Psychopathen ein neues Subgenre. Ein Subgenre, welches sich auch vom reinen Exploitationfilm löste, da es nach dem Vietnamkrieg wirklich etwas zu erzählen und unterschwellig zu verarbeiten hatte: Mörder unter uns, Terrorinvasion, die Lust und der Blickwinkel des sadistischen Killers, seine Zerstörung durch das “Final Girl”,… Was genau auch immer tatsächlich in solchen Filmen steckte und weshalb sie bei so vielen Zuschauern damals resonierten – ein solcher entscheidender Sprung und damit eine solide Erfolgsbasis, wollte dem deutschen Horrorfilm der 80er Jahre nicht gelingen. Und so wandten sich die genannten Filmemacher auch nach und nach ab: Graf fand sich im TV-Polizeifilm, auch Sigl landete beim Fernsehen, Buttgereit und Schmidt entwickelten sich in andere künstlerische Richtungen weiter.
    Mitverantwortlich war hierfür jedoch sicherlich auch das “Konsenskino” nach der Wiedervereinigung und dem Fußball-WM-Sieg von 1990: die 90er waren geprägt von guter Laune, den bis heute anhaltenden Komödien und Parodien – der deutsche Film feierte zu jener Zeit lieber Fasching als Halloween bzw. die Vermählung des Slasherfilms mit dem Psycho-Thriller (“Das Schweigen der Lämmer” 1991, “Sieben” 1995).

    Diese völlige deutsche Abwesenheit in der Folgezeit (wenn man von immer wieder mal aufblitzenden Vorstößen absieht, die aber oft auch nur Trends hinterherliefen, wie z.B. 2000 “Anatomie”) blieb auch im Ausland nicht unbemerkt, wie man zum Beispiel als Insider-Gag im genresprengenden “The Cabin in the Woods” (2011) sehen konnte.
    Und bis zuletzt blieb der deutsche Film auch eher unberührt von der neuen Welle an US-amerikanischen Splatterfilmen (oft als “Torture Porn” bezeichnet) und die von Frankreich ausgehende und in andere europäische Länder ausstrahlende “New French Extremity”. Die hohen Schranken der FSK (gerade im Vergleich zur Handhabe in Frankreich oder den Niederlanden) könnten auch hier wieder die größte Innovationshürde darstellen.

    c) Fantasy


    “Der Herr der Ringe” von J.R.R. Tolkien (1954, in Deutschland aufgrund mangelnden Interesses erst ab 1969) begründete die moderne Fantasy-Literatur und wurde in den USA zum Kultroman der Hippie-Gegenkultur. Für die jungen Menschen und Studenten, die sich von den Zwängen der bürgerlichen Moral und dem Konsumglauben des Kapitalismus ab- und der Selbstfindung, der Gemeinschaft und der Natur hinwendeten, wurde die Geschichte von einer alten, archaischen, magischen Fantasiewelt zum Renner: Auf Protestmärschen gegen den Vietnamkrieg skandierte man “Frodo Lives!” und “Gandalf for President”, Bands wie Led Zeppelin und Black Sabbath ließen sich von Tolkiens Welt inspirieren.

    Ganz anders die Rezeption unter den 68ern: Im Gegensatz zu den amerikanischen Hippies war die Studentenbewegung hierzulande deutlich politisierter und ideologischer geprägt. Entsprechend wurde auch dem “Herr der Ringe” ein reaktionäres Potenzial unterstellt, da er vom Kampf der guten Menschen des Westens gegen den vom Bösen bevölkerten Osten handelte, mittelalterliche Herrschaftsformen propagiert und wie die Nationalsozialisten das Germanisch-Nordische verherrlicht haben soll. 1980 urteilte Michael Jovi z.B. folgendermaßen in DIE ZEIT:

    "Sind wir denn völlig dumm geworden, dass wir alles wieder in die gute deutsche Psyche absinken lassen, wie in den alten Zeiten der 1000 Jahre in vollen Zügen genießen, was Tolkien uns auftischt? [...] Diese Recken und Elben, wie gleichen sie den reinen Toren der SS, die unwertes Leben vernichten, diese Elbenfrauen, gleich germanischen Göttinnen und reinen Maiden, blond und blauäugig wie die Ideale des BDM!

    Weiß und blond und blauäugig als Garantie der Tugend und der Reinheit - ich höre es lachen von Schweden bis St. Pauli. Tatsächlich, in diesem Werk gibt es nichts Unzüchtiges! Der Körper ist reines Instrument der mannbaren Tapferkeit. Und wie sie hauen, stechen und siegen können, diese tapferen Streiter. Jetzt wissen wir es wieder: Die Hässlichen, die Schwarzhaarigen, die Schlitzäugigen, die Dick- und Krummbeinigen, die Missgestalteten - das sind die Bösen, das sind die Orks. Das ist unwertes Leben, das die Lichtgestalten bedroht. Da darf man töten, ausrotten und vernichten zum Wohle der lichten Welt der Weißen. Diese Phalanx der Guten, wie sie vorrückt gegen diese dunklen Horden aus dem Süden, gegen den Schwarzen Fürsten der Finsternis. All das muss erschlagen und besiegt werden, damit das Gute endlich triumphieren kann. Was dann zum glücklichen Ende zur Genugtuung der Leser auch geschieht."

    Diese Deutungsmuster halten sich bis in die heutige Zeit und wurden von diversen Filmkritikern wie Rüdiger Suchsland (*1968, Mitarbeit beim Filmfestival Mannheim-Heidelberg sowie am Festival des deutschen Films, Vorstandsmitglied beim Verband der dt. Filmkritik) während der immens erfolgreichen Verfilmung von Peter Jackson noch einmal aus der Mottenkiste hervorgeholt:

    "Ein Loblieb auf Liberalismus, Demokratie und Individualität sucht man im "Herrn der Ringe" vergebens. [...] Mit seinem Paralleluniversum entwirft Tolkien einen synthetischen Mythos, nicht totalitär vielleicht, aber reaktionär, in seinen Botschaften zutiefst anti-modern. [...] Blut und Herkunft, erfährt man, sind stärker als Willenskraft, Mission und 'Auftrag' wichtiger als Hedonismus, Individualität zählt wenig, das Volk ist alles.
    [...]
    Dazu passt auch das traditionalistische, rechtskatholische Menschenbild des sex- und humorlosen Werkes: Frauen sind entweder madonnen- und mütterhafte Elben oder Monster, ansonsten herrschen männerbündelnde Gefolgschaftsbeziehungen (Frodo-Sam, Aragorn-Gimli) oder Vater-Sohn-Verhältnisse (Gandalf-Frodo). Die Verhältnisse sind autoritär, die Mythen vulgär, geprägt von Obskurantismus und einem diffusen Wandern um das Unsagbare, dunklen Vorahnungen - Mittelerde ist ein geistiges Ground Zero."

    "So tritt die gute Seite mit einem regelrechten Volkssturm an, zu Frauen und Kindern gesellen sich sogar die Toten, totale Mobilmachung eben. 'Tod! Tod! Tod!' rufen sie, und 'Kämpft für uns und erlangt Eure Ehre wieder.' Sprüche dieser Art verraten eine Todessehnsucht, die tatsächlich an die des Faschismus erinnert. [...] Da diese martialische Grundstimmung und Todessehnsucht auch im dritten Teil-Film klar dominiert, drängt sich die Frage auf, was uns die Tatsache, dass über 20 Millionen allein in Deutschland in solche Filme gehen, eigentlich über unsere Gegenwart verrät. Tolkiens Werk selbst wollte schließlich zunächst nicht mehr sein als ein Märchen für seine Kinder. Der Erfolg dieses anspruchsvollen, aber auch hybriden Kinderbuchs und seiner martialischen, eklatant humorlosen, langatmigen und selbstverliebten Verfilmung unter einigermaßen Erwachsenen und die Unbedingtheit der Anhängerschaft ist die eigentlich interessante Frage.
    [...]
    Und wenn am Ende ein König zurückkehrt, und ein 'neues Reich' installiert wird, dann ist das vielleicht nicht gleich Imperialismus. Modern und demokratisch aber ist es auch nicht. [...] Der Krieg den Gandalf, Aragorn und Co gegen Mordor führen, ist auch ein Vernichtungskrieg, der die gleiche Auslöschung will, wie der Gegner. Wie das Buch ist dies ein Film, der eine Welt mit verschiedenen Lebewesen beschreibt, und einige dieser Lebewesen als lebensunwert, und damit ihre Vernichtung rechtfertigt"

    "Schwarz geht noch einen Schritt weiter, indem er diese Archetypen einer radikalen Ideologie zuzurechnen versucht. Er begründet seinen Faschismusvorwurf darin, dass dieser subtil – quasi als verborgener Sinn – vom Autor im Herr der Ringe-Stoff deponiert worden sei, um diese Ideologie im Mäntelchen des harmlosen Märchens an den Leser zu bringen, der diesen ganz unkritisch übernehmen würde – und damit selbst einem faschistischen Weltbild anheim fallen würde. Andere Deutungsansätze schließt er allein schon durch das Insistieren auf die 'Gefährlichkeit solcher Demagogie' aus und tituliert diejenigen, die diesem Zugang nicht folgen wollen als 'unkritische Menschen' und Förderer eines gesellschaftlichen 'Gegeneinander'."

    Die Vorwürfe laufen allesamt zu überwiegenden Teilen ins Leere. Tolkien war sicher kein äußerst modern-progressiver Mensch und als Kind seiner Zeit auch wohl nicht gänzlich frei von rassistischen Untertönen. Doch er distanzierte sich zu Lebzeiten entschieden von den deutschen Nationalsozialisten und hing wohl ähnlich wie viele seiner Zeitgenossen einer überkommenen Vorstellung einer grundlegenden Überlegenheit der Weißen an. Aufgewachsen war der junge J.R.R. Tolkien in der britischen Kolonie Südafrika.

    "'Es gibt auch bei Tolkien klar übergeordnete Rassen [...] Im Gegensatz zum von den Faschisten propagierten gnadenlosen Konkurrenzkampf zwischen den Rassen haben sie jedoch in seinem Roman gegenüber den weniger zivilisierten Rassen eine Verpflichtung zur ,Entwicklungshilfe'.' Die eigentlichen Heldentaten werden zudem nicht von den kriegerischen Heroen, sondern von den kleinen Hobbits vollbracht. Das ist laut Honegger ein Beispiel dafür, wie Tolkien in seinem Buch der zeitgenössischen Heroenverherrlichung gegensteuert. 'Wir wissen aus seinen Briefen, dass er sehr unglücklich darüber war, dass die mythologischen Quellen, aus denen er schöpfte, durch die Nazis missbraucht wurden'"

    "Zwar ist im «Herrn der Ringe» niemals von Religion die Rede, aber viele seiner Motive [...] sind zutiefst von der christlichen Vorstellungswelt bestimmt. Auch aus diesem Grund wäre es falsch, Tolkien, wie das manchmal geschehen ist, in die Nähe des Faschismus zu rücken: Es findet sich bei ihm kein Anflug von Blut-und-Boden-Ideologie; in seiner Bewunderung für einfaches Landleben und seiner Ablehnung von Industrie und Technik steht er eher dem Weltbild des britischen Landadels, dem späten Heidegger oder den frühen Grünen nahe."

    Dass man bereits mit märchenhaften Geschichten ganz ohne Ork-Armeen und großen Schlachten anecken konnte, einfach nur weil sie zu phantasievoll waren, musste in den 60er Jahren auch ein junger Autor namens Michael Ende (1929-1995) feststellen, als sein zuvor von zwölf Verlagen abgelehntes Buch “Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer” (1960) zu einem Überraschungserfolg wurde. Roman Hocke, Weggefährte und Lektor Michael Endes, berichtet im Interview von jener Zeit:

    "[...] Man hat ihn dann in die Schublade mit den Kinderbüchern gesteckt und man hat ihm gerade in den 70er-Jahren Anleitung zur Weltflucht vorgeworfen. Wie sehr hat ihn das wirklich verletzt?

    Hocke: Das hat ihn sehr verletzt. Das war so schlimm, dass er überall, wo er hinkam, selbst im privaten Freundeskreis man ihm vorwarf, dass er die falsche Art von Büchern schrieb, die eben die Kinder nicht dazu brachte, sie politisch zu erziehen, um die Probleme zu erkennen dieser Welt und sie dann zu verändern - damals, müssen Sie sich vorstellen, war es eine total durchpolitisierte Gesellschaft auch -, sondern eben Fluchtliteratur. Und das hat ihn natürlich sehr betroffen, denn das ist es ja gerade nicht.

    Auch wenn er Fantasiegeschichten schreibt, Michael Ende, so hat es immer einen Bezug auf einer anderen Ebene, einen sehr konkreten Bezug zu unserer Wirklichkeit. 'Jim Knopf' ist zum Beispiel eine wunderschöne Utopie über ein Miteinander über alle Kulturunterschiede, Rassenunterschiede, religiöse Unterschiede hinweg und das wurde damals so nicht gesehen, sondern man warf ihm vor, das sei Weltfremdheit, weil es irgendwie weit in der Fantasie alles spiele. Es hat ihn so sehr getroffen, dass er gar nicht mehr sich künstlerisch weiterentwickeln konnte, weil er überall nur sich rechtfertigen musste für den 'Jim Knopf'.

    Deswegen beschloss er dann an einem bestimmten Punkt, nach Italien eben zu ziehen, weil, wie er sagte, in Deutschland hatte er keine Luft mehr zum Atmen. Er war enttäuscht, dass man seine Bücher immer eigentlich missverstanden hatte. Auch die 'Unendliche Geschichte' wurde dann als Fantasy-Buch, als Fantasy-Geschichte besprochen, dabei war es ja die große Antwort auf den Eskapismusvorwurf, den man ihm zum 'Jim Knopf' gemacht hatte. Denn da zeigt er ja sehr deutlich, was passiert, wenn ein Junge eine fantastische Geschichte liest, buchstäblich da hineingerät und fast sich dort verliert, aber am Schluss eben mit neuem Bewusstsein zurückkommt und in der Lage ist, die Verhältnisse seiner realen Welt neu zu gestalten."

    Der bahnbrechende Erfolg von Michael Ende im In- und Ausland, mitsamt Verfilmungen seiner Bücher, führte das Fantasy-Genre endgültig in Deutschland ein und ebnete den Weg für eine neuen Aufbruch im phantastischen Bereich, mit Vertretern wie Wolfgang Hohlbein (*1953), den bisher erfolgreichsten deutschen Autoren der Phantastik. Hohlbein gelang 1980 mit “Märchenmond” sein Durchbruch, und seither veröffentlichte er über 200 Bücher mit einer Auflage von weltweit über 40 Millionen Exemplaren. Und mit Cornelia Funke gibt es seit den 2000er Jahren nun auch eine fast genauso erfolgreiche deutsche Phantastik-Autorin, sowie mit Markus Heitz (*1971) und Kai Meyer (*1968) zwei weitere Bestseller-Autoren im Aufwind.

    Eine neue Hoffnung

    Vieles hat sich also im Laufe der Jahrzehnte geändert, das Beispiel des Fantasy-Genres zeigt, dass auch Science-Fiction und Horror aus Deutschland wieder eine größere Relevanz erreichen könnten. Der große Erfolg von phantastischen Stoffen in Literatur, Film und z.B. dem neuen Medium der Computerspiele hat in der breiten Masse zu einer veränderten, normalisierten Haltung geführt. Junge Väter zeigen ihren Kindern ganz selbstverständlich Klassiker aus ihrer eigenen Kindheit wie “Krieg der Sterne” (1977) oder “Indiana Jones” (1981), und bis auf die Kirchen und die letzten Unverbesserlichen, die noch immer kategorische Vorurteile gegenüber der Phantastik hegen, sieht niemand beim umfassenden Erfolg von “Harry Potter” & Co. bei Jugendlichen wie auch Erwachsenen den baldigen Untergang des Abendlandes heraufziehen.

    Deutsche Schriftsteller feiern große Erfolge, die Comic-Szene ist am Wachsen – nur mit dem phantastischen Film hapert es noch. Hier ist man dazu gezwungen, auf ausländische Produktionen auszuweichen, da aus heimischen Gefilden generell nur wenig kommt und die kleinen mühselig erkämpften Independent-Projekte nur selten größere Aufmerksamkeit erfahren. Film ist ein sehr kostspieliges Medium – Einzelkämpfer kommen aufgrund von Budgetgrenzen nicht weit. Und gerade jene, die in Deutschland Teil des Film- und Fernsehsystems sind, gehören oftmals zu jenen, die ihren bildungsbürgerlichen Auftrag sehr sehr ernst nehmen und mit Phantastik kulturell bedingt grundsätzlich eher wenig anfangen können.

    Auch das wird sich vielleicht eines Tages wieder einpendeln. Bis dahin gilt es weitere Versuche zu unternehmen, die Einflüsse und neuesten Entwicklungen aus dem Ausland aufzugreifen, sowie der Versuchung zu widerstehen, den einfachen Weg der Parodie einzuschlagen:

    "Als Ventil für den Druck, den die unaufhörliche Realitätsabbildungsbeflissenheit aufbaut, muss dann das sinnfreie Zerstreuungskino herhalten, das in Deutschland zu einem überproportional hohen Maße aus Parodien besteht. Für gewöhnlich erfüllt die Parodie den Zweck, das Seriöse vor der Verbissenheit zu bewahren. Doch worüber blödeln wir? Über Winnetou und Raumschiff Enterprise, über Edgar Wallace und Katastrophenfilme. Die eine Hälfte besteht aus unserem eigenen Ablenkungskino, die andere aus Stoffen, die nicht einmal unserem eigenen Kulturkreis entstammen. Das ist schon ein starkes Stück, dass wir uns tatsächlich über amerikanische Science-Fiction und internationale Katastrophenfilme lustig zu machen trauen, ohne je selbst etwas Nennenswertes in diesen Bereichen geleistet zu haben. Unsere eigenen Erzähldefizite halten uns nicht davon ab, über die Versuche anderer Nationen herzuziehen. Wir parodieren, ohne selbst je die dafür erforderliche Ernsthaftigkeit an den Tag gelegt zu haben, lenken uns von Themen ab, die entweder harmlos sind oder denen wir selbst nie ins Auge gesehen haben."

     
    In Teil IV der Artikelreihe kommen wir als nächstes endgültig in der Gegenwart an und betrachten Phantastik von einer ganz anderen Perspektive.

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