1. Die Gedanken sind frei – Teil I

    29.03.2013 /// /


    Phantastik – also Science-Fiction, Fantasy und Horror – hat es nicht leicht im deutschen Kulturraum.

    Er ist zum einen sichtbar am Output – quantitativ wie auch qualitativ. Und zum anderen am geringen Stellenwert, den Phantastik in Deutschland einnimmt. Dieser verminderte Respekt resultiert vor allem aus der speziellen historischen Entwicklung auf gesellschaftlicher wie auch politischer Ebene.

    Identität und Hochkultur


    Die deutsche Identität als „Land der Dichter und Denker“ speist sich vor allem aus den Kulturschöpfungen des 19. Jahrhunderts, jenem Jahrhundert, in welchem ein erwachtes deutsches Nationalbewusstsein die Zusammenführung in einen gemeinsamen Staat wünschte. Dies führte einerseits zu einer künstlichen und kultischen Überhöhung und andererseits zu der vermutlich einzigartigen Konstellation, dass Personen aus eben jenem hochkulturellen Milieu plötzlich auch allgemeingültig von den bildungsfernen unteren Schichten zu Idolen, zu nationalen Kultobjekten ohnegleichen erhoben wurden.

    Der frühere Bundespräsident Johannes Rau reflektierte dies in seiner Rede zum 244. Geburtstag von Friedrich Schiller:

    "Diese Schiller-Verehrung ist uns heute nicht nur fremd geworden, wir haben sie zum großen Teil gar nicht mehr in Erinnerung. [...] 1859. Dieses Jahr hat wohl die größten Schillerfeierlichkeiten der Geschichte erlebt. Eine beispiellose Feierwelle geht durch alle deutschen und deutschsprachigen Länder. [...] 'Schiller hat uns im Reich der Dichtung zu einer einigen Nation gemacht', so drückte es ein Festredner in Dessau aus. In fast 500 Städten des gesamten deutschen Sprachraumes wurde der 10. November als eine Art nationaler Feiertag begangen: [...] In einer Wiener Zeitung hieß es: 'Politisch getrennt, in Parteien zersplittert, von den Leidenschaften des Tages erfüllt, sind alle Deutschen einig im Geiste Schillers...'."

    Aus dieser Stimmungslage heraus konnte sich dann vermutlich das herausbilden, was bis heute seinen Nachhall findet: Die strikte Trennung zwischen anspruchsvoller, den Menschen zu Größerem und Besserem beflügelnder Kunst und Kultur und dem trivialen, irrelevanten, lediglich unterhaltenden, niederen Gelüsten dienenden Schund. Ein Hygienegedanke, der bis heute anhält.
    Und gerade die Phantastik konnte vermutlich aufgrunddessen hierzulande nie wirklich Fuß in der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit fassen – zu groß war das Leuchtfeuer, das von Schiller und Goethe ausging, zu groß die Ansprüche, zu groß die Wünsche, Hoffnungen, Ideale.

    E.T.A. Hoffmann (1776-1822) ist im Grunde der einzige deutsche Repräsentant, welchem es gelang, trotz düsterer und grotesker Ausrichtung in den illustren Kreis der großen „Klassiker“ und bedeutsamen Künstler aufgenommen zu werden. Doch er markiert damit auch sehr gut den Zwiespalt – als Schriftsteller aus dem politisch relativ unbelasteten 19. Jahrhundert ist er repräsentabel, quasi hoffähig, auf spätere Autoren trifft dies nur noch in geringerem Maße zu. In einer Aufteilung zwischen Hoch- und Trivialkultur würde Hoffmann mit seinem Werk ganz klar ersterem zugeordnet werden. Dafür sind er und seine Sprache „alt“ genug, und es ist letztlich dieselbe sinnstiftende Epoche, in der auch Goethe (der wenig von Hoffmann hielt) und Wagner (der sehr viel von ihm hielt) wirkten. Keinem einzigen späteren Vertreter der deutschen Phantastik gelang es nachhaltig daran anzuknüpfen.

    Im Ausland entwickelte sich die Phantastik dagegen ungehindert weiter. Auch gerade die Werke E.T.A. Hoffmanns fanden bezeichnenderweise im Ausland sehr viel mehr Anklang als hierzulande (die franz. Genrebezeichnung „Fantastique“ – im anglo-amerikanischen Raum ist die Verbindung von Science-Fiction, Fantasy und Horror unter einem solchen Sammelbegriff nicht existent – stammt z.B. aus einem Übersetzungsfehler des Hoffmannschen Titels „Fantasiestücke in Callots Manier“).
    Die neue, immer populärer werdende Literaturgattung des Phantastischen fand in den jeweiligen Bevölkerungen zwar nicht nur Zuspruch, sondern auch Ablehnung, doch eine derartige aktive Bekämpfung und kategorische Verurteilung wie im deutschen Kulturraum wurde sonst nirgends durchgeführt. Und so nahm die Entwicklung im Ausland ihren freien Lauf: Von den düster-romantischen Gothic stories eines Edgar Allan Poe, den Zukunftsvisionen und Abenteuergeschichten eines primär für mäßig gebildete Jugendliche schreibenden Jules Verne über die zahllosen in Massen verkauften Pulp-Magazine, Comic-Strips und Groschenromane des 20. Jahrhunderts bis hin zur modernen heutigen Phantastik in all ihren Facetten.

     

    Von der Kaiserzeit bis zur Weimarer Republik


    War der deutsche Kulturraum komplett hiervon entkoppelt? Nein, es hat bereits im Kaiserreich als Reaktion auf Jules Verne zahlreiche phantastische Autoren gegeben, die meisten sind jedoch in völlige Vergessenheit geraten und viele der damaligen preiswerten und in Massen produzierten sogenannten „Groschenromane“ sind nicht mehr erhalten.

    Einer der wenigen bekannten Pioniere der deutschen Phantastik war Kurd Laßwitz (1848-1910), dessen für seine Zeit erstaunlich humanistisch geprägter Zukunftsroman „Auf zwei Planeten“ (1897) nach seinem Tode und dem Ende des Ersten Weltkriegs zu einem Bestseller wurde.

    Für den Staat und seine Autoritäten stellte das Aufkommen der abenteuerlich-phantasievollen Groschenromane jedoch eine grundsätzliche Herausforderung, wenn nicht gar latente Bedrohung dar. Auch wenn sich einige, gerade zur Zeit des Ersten Weltkriegs, durch betont nationalistische und rechtskonservative Inhalte anbiederten, standen die Sittenwächter in der Kaiserzeit und auch später in der demokratie- und pluralitätsunerfahrenen Weimarer Republik ganz in der Tradition hoher Bildungsideale und verachteten die populären, aus ihrer Sicht künstlerisch wertlosen Werke, die das zunehmend lesefähige und eher bildungsferne Volk zu konsumieren begann.

    "Aus der Perspektive jener Gruppen und Mächte, die in der Tradition absolutistischer und aufgeklärter Herrschaft der großen Volksmehrheit fehlende Mündigkeit und mangelnde Widerstandsfähigkeit gegen die verführerischen Botschaften der populären Literatur zuschrieben, wuchs damit die Aufgabe der 'Sozialzensur' (Hobohm 1988: 108 f.) in eine neue Größenordnung. Die Regulierung des geistigen Konsums der 'bildungsbedürftigen niederen Volksschichten', um ihnen 'gesunde geistige Nahrung in der Form erheiternder und sittlich hebender Unterhaltung' zuzuführen (Volksliteratur 1890: 269), beschäftigte Kirchen, Staatsapparat und die pädagogischen Professionen."

    Diese Haltung der damaligen Autoritäten zeigt sich sehr eindringlich in dieser Resolution vom 25. März 1916 der Zentralstelle zur Bekämpfung der Schundliteratur in Berlin:

    "Die Fülle aufregender Ereignisse, die der Krieg mit den furchtbaren Waffen von heute möglich und wirklich macht, wird hier von ebenso flinken wie gewissenlosen Schreibern gemißbraucht, um dem Abenteuerdrang und der Lesegier unserer Jugend zu schmeicheln, damit sie immer neue Groschen opfere. Zu diesem Zwecke verzerren die Schunderzeuger die erhebenden Ereignisse des Kriegs, die Großtaten unserer Heerführer, die opferbereite Hingabe und den Todesmut unserer Kämpfer zu frei erfundenen sinn- und geschmacklosen Mätzchen einzelner, aus krankhafter Einbildung geborener Übermenschen nach Art der beliebten Meisterdetektivs, Verbrecherkönige und Indianerhäuptlinge. Sie fälschen damit nicht nur das Bild der großen Ereignisse auf elende Weise, sie betrügen vor allem um schnöden Geldgewinns willen ihre zahllosen Leser um die wertvollsten und tiefsten Erfahrungen ihres jungen Lebens, indem sie zu einem unreinen, die Gesinnung verrohenden Nervenkitzel erniedrigen, was erhebendes Beispiel und für ein ganzes Leben Anstoß zu ernstester Betätigung der eigenen Kräfte sein könnte und müßte."

    So wurde z.B. die unter Kindern und Jugendlichen immens erfolgreiche an Jules Verne angelehnte und wohl weltweit erste Science-Fiction-Romanheftserie „Der Luftpirat und sein lenkbares Luftschiff“ (1908-1912) zusammen mit vielen anderen missliebigen Groschenheften, darunter auch erotische Literatur für Erwachsene, aktiv bekämpft, teils Produktion und Verkauf komplett verboten.

    "Hinter der Kritik stand die grundlegende Überzeugung, der Krieg müsse und werde die deutsche Kultur von allem Oberflächlich-Materialistischen reinigen, er werde eine neue, ernsthafte, auf das Wesentliche gerichtete Haltung der Menschen bringen. Daran maß man die populären Kriegsdarstellungen, und aus der Diskrepanz speiste sich die Empörung über Kriegsschundliteratur. Viele Pädagogen hatten noch eine weitere Sorge. Die - nicht selten halbwüchsigen, der Schule noch kaum entwachsenen - Helden der Kriegsserien setzten sich über alle Autoritätsstrukturen hinweg, sie propagierten in den Augen der Erzieher die Missachtung von Führung und Hierarchie."

    "Die Beurteilung der Texte wurde bestimmt von ästhetisch-geschmacklichen Kriterien. Zwar unterschied man zwischen 'Schund' als dem moralisch-sittlich Gefährdenden und Kategorien wie 'wertlos', 'minderwertig' oder 'seicht' - aber alle Befunde rein künstlerischen Ungenügens reichten aus zum Verbot. Das literarisch Minderwertige mochte vom Polizeistandpunkt aus ungefährlich sein - den Lehrern war es gleichbedeutend mit 'verbildend, geschmacksverwirrend', also gerade nicht harmlos, sondern aktiv gegen das pädagogische Anliegen gerichtet und deshalb zu verbieten."

    "Insgesamt [...] dominierte das Empfinden, dass gute Literatur im 'freien Wettbewerb' gegen die Anziehungskraft der schlechten stets den Kürzeren ziehe. Mit geistigen Waffen sei der Schund nicht zu bekämpfen;"

    Die pädagogische Sorge um das Volk und besonders der Jugend gipfelte schließlich 1926 im Schmutz- und Schundgesetz:

    "[...] certain series were only available for over-eighteen year olds, while others landed on 'the Index', a precursor on how censorship is still being practiced today in Germany."

    Viele Groschenhefte mussten daraufhin eingestellt werden, oftmals ohne dass es um ihren Inhalt ging – dem Staat war die umfassende und massenhafte Verbreitung grundsätzlich suspekt:

    "Es war weniger die geringere literarische Qualität, die den 'Luftpiraten' wie viele andere billige populäre Lesestoffe zum Opfer des 'Schundkampfes' prädestinierte, sondern die verpönte Vermarktung als Groschenheft."

     

    Von der Weimarer Republik bis zum Ende des Dritten Reichs


    Es kam zu jener Zeit jedoch obendrein auch noch neue Konkurrenz für die klassischen Groschenromane und ihre Autoren auf: der Kinofilm. Auch diese neue Medienform geriet aufgrund ihrer populären Natur schnell ins Visier der Tugendwächter. Die allgemeine Aufhebung der Zensur bei Ausrufung der Republik wurde innerhalb relativ kurzer Zeit dahingehend korrigiert, dass Filme davon ausgenommen seien und doch einer staatlichen Zensur zu unterliegen hätten.
    Dennoch erlebte die Filmbranche eine gewaltige Blüte, bis heute prägt das Kino der Weimarer Zeit die internationale Rezeption des deutschen Filmschaffens, da zahlreiche Produktionen aus jenem oft zum „Goldenen Zeitalter“ der Kinematographie stilisierten Zeitraum in den Kanon der globalen Filmgeschichte eingingen.
    Insbesondere der deutschsprachige phantastische Film vollbrachte damals bemerkenswerte Pionierleistungen, beschäftigte sich mit vielen verschiedenen Themen und fand sowohl beim Publikum als auch bei den Kritikern großen Zuspruch.

    Nach der Machtübernahme und der Gleichschaltung durch die NSDAP wurde dem jedoch ein allmähliches Ende gesetzt. Grundsätzlich lebte das Weimarer Kino zwar noch einige Zeit fort, es kam jedoch zu keinen nennenswerten Neuentwicklungen mehr. Unter dem NS-Regime wurden unterhaltende Stoffe gezielt bevorzugt, neben all den heiteren Filmen konnte der phantastische Film daher kaum weiterbestehen.
    Im literarischen Bereich war es, wie das Beispiel von Alexander Lernet-Holenia (1897-1976) (der auch in der NS-Filmindustrie beschäftigt war) zeigt, nicht völlig unmöglich: Auch kurz vor und während des Zweiten Weltkriegs kam es noch zu weiteren Werken in der Tradition der vorherigen Zeit:

    "Liest man die übliche Sekundärliteratur zum Genre der phantastischen Literatur, müßte man zur Einsicht gelangen, es habe diese zwar seit dem Schauerroman (Ende des 18. Jahrhunderts) in Deutschland gegeben, aber zwischen 1933 und 1945 sei damit Schluß gewesen. Dem ist nicht so. Vielmehr wird im Dritten Reich die reiche Tradition deutscher Phantastik weitergeführt, wobei manche nur vereinzelte Beiträge lieferten, andere dagegen, wie Luserke oder Lernet-Holenia, dem Genre immer wieder huldigten.

    Es existiert eine breite Vielfalt von Themen und dies ungeachtet der unterschiedlichen ideologischen, oft kritischen Position von Autoren [...]"

    Wie eng dieser kritische Rahmen war, lässt sich z.B. an Lernet-Holenias „Mars im Widder“ (1941) sehen, in welcher die Erlebnisse des Polenfeldzugs mit vieldeutigen, geisterhaften Visionen von einer anderen Welt kombiniert wurden: Das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda kassierte alle 15.000 gedruckten Exemplare ein, da das Buch den deutschen Soldaten nicht glorifizierte und es Beobachtungen darin gab, die darauf hindeuteten, dass von polnischer Seite vor dem Angriff keinerlei Provokationen ausgegangen waren. Dies passt auch zu anderen Zensurentscheidungen, in den Tagebüchern von Goebbels findet sich z.B. am 29. März 1933:

    "Film 'Dr. Mabuse' von Fritz Lang gesehen. Praktische Anleitung zum Verbrechen. Wird verboten."

    Fritz Langs Kriminal-Thriller war eine Allegorie auf den während der Dreharbeiten kurz vor der Machtübernahme stehenden Faschismus. Die Bewertung Goebbels und auch die Machart der später folgenden NS-Propagandafilme wie „Hitlerjunge Quex“ (1933) zeigte klar auf, dass nur Positives und Heldenhaftes erwünscht war, nichts was Zweifel oder eine Minderung der Volkskraft hervorrufen könnte. Damit stand Goebbels ganz in der Tradition der vorherigen Tugend- und Sittenwächter. Das Ziel blieb die Bewahrung des Volkes, besonders der Heranwachsenden, wenn er auch natürlich weitaus radikaler im Umgang damit war – die komplette Filmindustrie wurde ja gleichgeschaltet und unterstand seiner Oberaufsicht – sowie weitaus berechnender und taktischer, was den Einsatz des Filmmediums zur Erreichung der eigenen politische Ziele und Ideale anbelangte:

    "Goebbels wanted to allow people a certain amount of escapism. Popular culture in the Third Reich was for the most part free of obvious propaganda messages. Goebbels understood that popular culture that is not entertaining is not popular culture. Even works that could be interpreted as opposed to the regime were tolerated to a certain degree.

    You can propagate films and books all you want, if they do not entertain people, the people will not consume them. Hardcore propaganda films were never as successful at the box office as were musical comedies or thrillers."

    Die überwiegende Mehrheit der NS-Spielfilme waren in der Tat Komödien, Melodramen und Musikfilme, und die überwiegende Mehrheit der NS-Filmproduktionen waren non-fiktionaler Natur. Also Erziehungsfilme, Kulturfilme, Wochenschau-Berichte, Dokumentationen. Nicht mittels Fantasie sondern mittels fingierter Realität sollte das Volk auf Linie gebracht werden. Dies war auch die fatale Kombination, denn diese dokumentarischen, als wahrhaftig empfundenen Propagandafilme liefen oftmals im Vorprogramm der rein unterhaltenden Spielfilme und erreichten so ein großes Publikum.

    Der phantastische Film aber blieb dem Nationalsozialismus aufgrund seines subversiven Grundpotenzials eher fremd. Wie feinfühlig Goebbels selbst bei nicht-phantastischen Stoffen war, lässt sich z.B. an dem Aufführungsverbot des anti-britisch konzipierten Katastrophenfilms über den Untergang der „Titanic“ sehen: Bei Fertigstellung befürchtete man aufgrund der 1943 erfolgten Wende im Kriegsverlauf, dass das sinkende, aus angeblichem Größenwahn gebaute Schiff mit dem Dritten Reich in Gleichnis gesetzt werden könnte.

    "Nach [...] Recherchen gab es nur etwa 30 geplante, aufgeführte oder verbotene phantastische deutsche Filme zwischen 1930 und 1945. Diese erstaunlich geringe Zahl ist vor allem Ergebnis von Zensureingriffen. Ein für die Spielzeit 1939/40 geplantes Großprojekt einer Dominik-Verfilmung (Arbeitstitel Weltraumschiff 18) wurde nicht realisiert. 'Form und Inhalt des Phantastischen müssen demnach dem Nationalsozialismus suspekt gewesen sein.'"

    Es waren zusammen mit „Zwischenfall im Weltraum“ sogar zwei Science-Fiction-Filmprojekte, die abgebrochen und dann zum Kurzfilm „Weltraumschiff 1 startet“ (1940) zusammengeschnitten wurden. Es wird jedoch gemutmaßt, dass das Herausschneiden großer Filmabschnitte auch mit der Geheimhaltung des deutschen Raketenprogramms zusammengehangen haben könnte.

    Es lässt sich bei Science-Fiction-Stoffen letztlich nicht endgültig feststellen, ob sie nicht eventuell doch in irgendeiner Weise in das Schema der NS-Volkserziehung hätten passen können, es war jedoch kaum möglich für Gruselfilme im Stile eines „Nosferatu“ oder Filme, die sich mit Psychosen, Wahnsinn, Alpträumen oder seelischen Schäden auseinandersetzten. Und selbst jene Science-Fiction-Schriftsteller, die während der Weimarer Zeit schon durch autoritär-revanchistische und totalitär-technologische Machtphantasien auffielen, gelangten in Folge nur selten in die Nähe des NS-Systems:

    Die utopischen technologie-gläubigen Romane von Hans Dominik (1872-1945) trugen z.B. bereits latent bis offen nationalistisch-rassistische Züge: Meist ging es um einen idealisierten deutschen Ingenieur als Heldenfigur im Kampf oder Wettstreit mit ausländischen Gegnern. Mit diesen stereotypen Geschichten war Dominik zur Zeit der Weimarer Republik sehr erfolgreich und entsprach damit auch ganz dem damaligen rechtskonservativen Zeitgeist.
    Auch andere Science-Fiction-Autoren taten sich in der Zeit vor der faschistischen Machtübernahme mit thematisch ähnlicher Ausrichtung hervor. Während in den USA mit „Brave New World“ (1932) eine neue Stufe erreicht wurde, gab es hierzulande Zukunftsausblicke auf eine von den Deutschen nach einem siegreichen neuen Weltkrieg dominierten Erde („Deutschland ohne Deutsche“, Hans Heyck, 1929) oder Romane, in denen der zukünftige Krieg gegen vermeintlich mindere Rassen sowie die Entwicklung von „Wunderwaffen“ und fortschrittlicher Raketentechnik antizipiert wurde (z.B. Stanislaus Bialkowski). All dies war Ausdruck der damaligen Zeitläufte – die Niederlage im Ersten Weltkrieg, der Untergang des Kaiserreichs, sowie die schwierigen politischen und wirtschaftlichen Zustände spiegelten sich in den Werken der damaligen Schriftsteller wider. Die Rückkehr zu neuer Größe sowie Fortschritt und Weltgeltung durch neuartige Technologien waren bestimmende Themen unter der Bevölkerung und fanden daher gerade auch in der Phantastik ihren Einschlag.

    Einer der schillerndsten Schriftsteller der Weimarer Zeit war Hanns Heinz Ewers (1871-1943), den eine Aura des Unmoralischen und Verruchten umgab, da er in seinen phantastischen und erotischen Werken für damalige Verhältnisse sehr drastisch erzählte, und auch ein äußerst bewegtes Leben führte. Gerade auch an seinem wechselhaften, zwiespältigen Lebenslauf lässt sich gut erkennen, wie groß die Distanz des Nationalsozialismus gegenüber Vertretern der Phantastik war: Denn Ewers, der in den USA während des Ersten Weltkriegs propagandistisch und vermutlich auch geheimdienstlich für das Kaiserreich tätig war, fand nach seiner Rückkehr keinen Anschluss an die Weimarer Künstlerszene und wandte sich immer mehr der faschistischen Revolution zu. Doch seine früheren Werke wurden ihm vorgeworfen, und er fiel nach einem schnellen Aufstieg in der NSDAP im Laufe der Zeit zunehmend in Ungnade – nach und nach wurden seine Werke verboten. Als im Kern eigentlich judophiler Mensch blieb es ihm in seinen letzten Lebensjahren nur noch seine jüdischen Freunde bei der Ausreise und Flucht zu unterstützen.

    Im Gegensatz zu anderen Autoren und Filmemachern wurden die Vertreter der Phantastik von den Ideologen des Nationalsozialismus in der Regel mehr geduldet als dass man sie gezielt für politische Zwecke eingesetzt hätte:

    "Unterhaltungsliteratur dieser Art war bei den Nationalsozialisten [...] nicht wohlgelitten, da man darin eine Form von Subkultur sah, die nicht vom Regime kontrolliert werden konnte. Aus Härtels Sicht wurden aus diesem Grund die Romane immer 'stromlinienförmiger', d.h. man orientierte sich an hergebrachten Erzählmustern, meidet, wenn man Erfolg haben will, allzu phantastische Stoffe ebenso wie allzu offensichtliche Anbiederungen an die nationalsozialistische Ideologie'."

    Es kam also zu einem allmählichen kulturellen Stillstand in einem Rahmen, den das NS-Regime klar abgesteckt hatte. Die letzten Jahre des Dritten Reichs, als der Krieg erfolgreich auf seinen Ursprung zurückgeworfen werden konnte, brachten die Entwicklung dann schließlich naturgemäß zum völligen Erliegen.

    Dass sich nun danach eine Revitalisierung der Phantastik im nach 1945 geteilten Deutschland als schwierig erweisen würde, war klar: Die nächsten Jahrzehnte waren geprägt von kollektiver Verdrängung und dann in der BRD vom Aufklärungsfuror der nachfolgenden Generation – beides sollte sich als fatal herausstellen.

    Mehr dazu in Teil II und III.

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