1. Worte der Kritik

    15.02.2015 /// / /

    Worte der Kritik
    Parallel zur Berlinale und der Genrenale gab es eine weitere cineastische Veranstaltung, und zwar zum inzwischen zweiten Mal die Woche der Kritik des Verbands der deutschen Filmkritik. Einer der Aufführungstage war dem Genrefilm gewidmet, und es wurde der philippinische Crime-Thriller On the Job (2013) präsentiert und anschließend frei debattiert. Meinolf Zurhorst, seines Zeichens Redaktionsleiter bei ZDF und Arte, fiel durch eine ausgeprägt geringschätzige Haltung gegenüber Genrefilmen auf.

    Von Schaumkronen und Tellerrändern

    Herr Zurhorst wurde zum Gespräch geladen, da er vor seiner Anstellung beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen als Produzent und Filmkritiker tätig war sowie sich als Autor zahlreicher Biografien von Star-Schauspielern aus Hollywood und des Lexikon des Kriminalfilms hervortat. Eine Affinität zum Krimi bzw. zum Polizeifilm war somit definitiv gegeben. Doch als es im Laufe der Diskussion in die weiteren, bunteren, transgressiveren Gefilde des Genrefilms ging – sei es nun in Form von blutigen Horrorfilmen oder Martial-Arts-Actionfilmen – offenbarte er einige kontroverse Standpunkte.

    Nach ihm sollten sich Filmkritiker nicht mit Genrefilmen auseinandersetzen. Es sei Zeitverschwendung, geistige Energie in so etwas wie Blockbuster oder Splatterfilme zu investieren. Die Minderheit, die sich für Genre interessiere, habe bereits ihre eigene Kanäle, besonders im Internet, und ihr eigenes Festival in Form des Fantasy Filmfest. So etwas wie einen auf Genre ausgerichteten Filmkritiker gäbe es für ihn im Grunde auch gar nicht, das seien mehr Fans denn echte Kritiker.

    In Abgrenzung dazu begründet Zurhorst seinen persönlichen Fokus auf Arthouse-Filme, indem er sie als „creme on top“ bezeichnete, also frei übersetzt als Königsklasse. Es gehe ihm um Ambition, Qualität, Ernsthaftigkeit, wichtige Themen. Der Rest sei lediglich „Business“, dort gehe es nur um Verdienen von Geld. Zwar offenbart er zum Schluss noch, dass er zuletzt einen japanischen Nunsploitation für den Sender eingekauft habe, bezeichnet dies aber als „guilty pleasure“. Das klingt irgendwie nach einem ungesunden Laster wie Zigarettenrauchen, das man zwar genieße, aber nicht wertschätzen könne und eventuell lieber bleiben lassen sollte.

    Wahrheit und Fiktion

    Alles in allem entspricht die gesamte Argumentation somit sehr stark der typischen Denkmuster eines Verfechters der Trennung von ehrbarer Kunst und schnöder Unterhaltung, wie sie in Deutschland ganz besonders stark ausgeprägt und im öffentlich-rechtlichen Fernsehen aufgrund des Bildungsauftrags und entsprechender Mitarbeiterauslese bzw. -rekrutierung in überwältigender Mehrheit anzutreffen ist.

    Anstatt sowohl dem Kunst- als auch dem Genrefilm, unabhängig ihrer jeweiligen Prämissen und Formen, ein grundsätzliches künstlerisches Potenzial zuzugestehen, geht Meinolf Zurhorst wie sehr viele andere ähnlich denkende „Kunstkenner“ davon aus, dass nur eine bestimmte Filmgattung Wertschätzung genießen sollte. Ein Martial-Arts-Mafiafilm (wie z.B. The Raid 2: Berandal (2014)?) scheint für ihn automatisch ausgeschlossen zu sein.

    In dieser kulturellen Grenzziehung zeigt sich eine elitäre Sicht der Dinge und eine Fortsetzung einer in Deutschland bzw. seinen Vorgängerstaaten stark autoritär geprägten Bildungspolitik und Volkserziehungstradition. Man sieht sich als Bewahrer der echten Kunst, als Träger der Fackel, als Sehender im Reich der Blinden. Dass man sich von einem Vertreter eines durch öffentliche Quasi-Besteuerung finanzierten Senders etwas mehr Pluralismus wünscht, ist das eine. Das andere ist die eklatante Betriebsblindheit und Voreingenommenheit. Denn natürlich gibt es unzählige sehr schlechte, sehr missratene und sehr misslungene Genrefilme. Möglicherweise prozentual deutlich mehr als im Arthouse-Bereich, was am großen Speckbauch wenig ambitionierter, konventionell gestrickter B-Movies und auch am fließenden Übergang zum Trashfilmbereich liegt. Doch allein das rechtfertigt keine derartige kategorische Abgrenzung und Abwendung angesicht zahlloser herausragender Genrefilme, ob nun im großen oder kleinen Budgetbereich.

    Ebenso lässt sich gerade im Arthouse-Bereich keineswegs eine automatische formeigene Relevanz oder Exzellenz erkennen. Denn auch insbesondere unter Arthouse-Filmemachern lassen sich vermehrt hochgradige Repetitionen und Replikationen vorhandener Muster, Themen, Stile und Haltungen wiedererkennen. Andersartigkeit, Kunstbeflissenheit und Experiment geraten in so manchen Arthouse-Filmen zu einem reinen Verkaufsetikett. Aber nicht alles, was wie Kunst aussieht, ist es deswegen bereits. Besonders nicht, wenn Kunst abgepackt und vereinheitlich wird: Die Produktion und finanzielle Förderung solcher Filme, ihre Präsentation und Prämierung auf entsprechenden Festivals, ihre mediale Unterstützung durch Kenner und Verwertung in darauf ausgerichteten Kinos – all das weist hochgradige Züge einer konzertierten Warenkonfektionierung auf.

    Damit verwischt die behauptete Unterscheidbarkeit zusehends. Wenn Genrefilm nur Nische sei, dann ist es Arthouse ebenso. Und ob es in der aufgeschäumten Creme mehr Perlen zu finden gibt als im bitteren Bodensatz, das ist Ansichts-, Erfahrungs- und Geschmackssache. Suchen muss man jedoch in beiden Fällen, mit möglichst offenen Augen.

    Insofern muss die Antwort lauten: Natürlich braucht es Filmkritiker, die sich auch oder gar gezielt mit Genrefilmen auseinandersetzen. Sowohl das Publikum als auch Filmemacher können vom kritischen Austausch nur profitieren. Anstatt kulturell exkludierende Mauern hochzuziehen, sollte Filmjournalismus im Idealfall neue Brücken bauen, Tore öffnen, Vielfalt und Perspektivwechsel fördern. Und nicht zuletzt etablierte Strukturen und kulturelle Prägungen in Frage stellen.

     

    Meinolf Zurhorsts Aussagen kann man sich in voller Länge hier in dieser Videoaufzeichnung der Woche der Kritik zu Gemüte führen: