1. Plakativ unplakativ

    29.11.2014 /// / /

    Wir sind jung. Wir sind stark.
    Gerne wird das zu niedrig angesetzte Marketing-Budget als einer der Gründe angebracht, weswegen sich deutsche Filme an den Kinokassen oftmals schwer tun. Es liegt jedoch nicht immer nur an mangelnden Etats. Immer wieder muss man leider mit ansehen, dass es bei den Entscheidern an Mut und Kreativität fehlt, Filme aggressiv und subversiv zu bewerben.

    Aushängeschilder

    Für jeden Cineasten sind Filmplakate etwas ganz Besonderes. Echte, greifbare Aushängeschilder der Verheißung und Verführung. Sieht man sich jedoch deutsche Filmplakate an, muss man immer wieder feststellen, dass es ihnen nicht so recht gelingt, das Potenzial des zu bewerbenden Films voll auszuschöpfen. Sie fangen keine Blicke ein, sie stellen keine Fragen. Sind oft rein informativ und arm an visuell starken Ideen. Könnte es also sein, dass sich die Malaise des deutschen Films, das Fehlen von Mut, Kreativität und moderner Herangehensweise, nicht nur im Prozess der Filmförderung und -produktion sondern auch am anderen Ende zeigt – bei der Auswertung?

    Mir persönlich ist es aktuell bei zwei Filmen aufgefallen. Zum einen bei dem von der Presse als »konsequent düsterer und rauer Genrefilm« und »Männerfilm« gepriesenen „Wir waren Könige“ von Philipp Leinemann, dessen Plakat in keinster Weise versucht, diese Qualitäten herauszustellen: Ein dunkles Gebäude und ein paar Charakterköpfe. Das war’s. Keine Polizeiuniform, keine Waffen, keine Gewalt.

    Und zum anderen bei „Wir sind jung. Wir sind stark“ von Burhan Qurbani über die Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen 1992. Der Trailer entwickelt zwar durchaus einen leicht genrefilmhaften Sog mit seiner treibenden musikalischen Untermalung und den ästhetisierenden Schwarzweißbildern, doch das Logo am Ende und das obige Plakat sprechen plötzlich eine gänzlich andere Sprache.

    Den Film selbst habe ich nicht gesehen, er wird erst am 22. Januar 2015 in die Kinos kommen. Doch wen soll dieses Plakat ansprechen? Was will uns das Plakat sagen? Was erwartet mich als Zuschauer?
    Es wirkt ein wenig politisch. Es könnte was mit 68er und Rudi Dutschke sein. Oder es ist eine Doku über die Punkrockszene in der DDR. Das eigentliche Thema, die Ausschreitungen, die Gewalt, werden komplett außen vor gelassen, vollständig umschifft. Als ob es die Strategie wäre, möglichst nicht zu verraten, worum es in dem Film geht. Man macht doch auch keinen Film mit Holocaust-Thematik und zeigt auf dem Plakat dann vier spazierende deutsche Bürger und darüber in Schreibschrift „Wir waren jung und stark“?

    Gut möglich, dass man das Arthouse-Stammpublikum nicht zu sehr abschrecken wollte, doch beraubt man einem Film damit nicht seiner größten Stärke? Verpasst man damit nicht die Gelegenheit, neue oder andere Zuschauergruppen zu interessieren? Hier jedenfalls alternative Plakatentwürfe, die ich beispielhaft zum Vergleich angefertigt habe:

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    Die Reaktion des Verleihs: Der Film sei kein Nazifilm. Das mag sein, und vielleicht könnte man das rote Band in Graffitigeschmiere umwandeln, oder auch die Frakturschrift wieder rausnehmen, um das subversive Spiel mit rechter Symbolik abzumildern – aber die zentrale Frage ist doch nicht, was für einen Film man dann letztlich im Ergebnis im Kino sieht. Die Frage ist, was den Zuschauer reizen und interessieren könnte – und genau das nennt man Marketing. „Soll“- statt „Ist“-Berechnung.

    Falls der Film die gewaltbereiten Jugendlichen und unbeteiligten Zuschauenden nun eher als unpolitisch und unideologisiert darstellt, dann ist es das gute Recht des Filmes, doch für die allermeisten Normalbürger ist Rostock-Lichtenhagen, falls man es nicht vergessen oder nie davon gehört hat, in erster Linie als ausländerfeindlicher Pogrom zu verorten. Der Trailer spricht eine deutliche Sprache – warum also im Design des Logos und des Plakats dann verschleiernd agieren? Warum nicht mit den wuchtigen Bildern arbeiten, die der Film locker zu bieten hat? Bildern, die von Gewalt, Aufruhr und Entsetzen zeugen?

    Angst vorm Dunkeln

    Hier stoßen wir, gerade auch bei diesem Thema, natürlich sehr schnell auf Befindlichkeiten, die sich aus der bisherigen deutschen Geschichte und Kultur herleiten. Auch in der Diskussion mit anderen Filmemachern des Neuen Deutschen Genrefilm zeigte sich, dass nicht jeder mit einer provokativ-subversiven Marketingkampagne einverstanden wäre. Für Drehbuchautor Axel Melzener („Schreie der Vergessenen“) überschreitet der Trailer eine Grenze:

    »Ich habe mir gerade den Trailer angeschaut und finde er ist ein Aufruf zu Rassenhass und Intoleranz. Mein Urteil hat überhaupt nichts mit dem Film selbst zu tun, sondern mit der Inszenierung des Bösen im Rahmen des Trailers. Sobald man Neonazis zielstrebig, ansatzweise artikuliert und mit geiler Musik und in Zeitlupe zeigt, baut man da für viele verirrte Seelen Heldenkult und Identifikationssehnsucht auf. Ich fühle mich ganz, ganz unwohl damit. Bin mal gespannt, welches Kino sich traut, das Plakat aufzuhängen oder auch nur den Trailer zu zeigen.«

    Stephan Greitemeier („Switch Reloaded“, Chefautor beim Game „Evil & Genius“) hält dagegen:

    »Ich glaube, dass wir dem Publikum viel mehr zutrauen können. Gerade der Innenblick auf diejenigen, welche vom Bildungsbürgertum und Gutmeinenden gerne als "Monster" deklassiert werden - Nazis, Hooligans etc. - fehlt uns. Ich verstehe die Sorge, aber wir dürfen die Macht der Medien nicht überbewerten. Kein Werk kann einen Menschen zum Gewalttäter machen. Oder zum Demokraten, Pazifisten oder Vegetarier. Es kann uns höchstens eine andere Perspektive auf die Welt anbieten, einen Blick durchs Schlüsselloch. "American History X" war für mich ein solch packender Film, weil er erstmals die Weltsicht seines Protagonisten ernst nahm. Ohne sie zu verharmlosen. Wir erzählen in Deutschland gerne aus der Opfersicht, weil das moralisch sicherer Boden ist. Aber die Täter würde ich auch gern sehen. In all ihrer Banalität, Brutalität und Menschlichkeit.«

    Das gesamte Horrorfilmgenre basiert darauf, dass manche Menschen den Blick in die Finsternis wagen möchten. Innerhalb der sicheren vier Wände des Kinosaals und der begrenzten Erlebnisdauer eines Filmbands. „Wir sind jung. Wir sind stark“ ist sicher nicht als Horrorfilm konzipiert – doch man könnte ihn so bewerben. Indem man zur Dunkelheit steht, die Teil von ihm ist. Deutsch verwurzelte Migranten, welche die damaligen Ereignisse im Fernsehen miterlebt haben, haben Rostock-Lichtenhagen und die anderen Ausschreitungen am Anfang der 90er Jahre nicht vergessen. Wer weiß schon, wie viele sich dem Grauen nun erneut in dieser filmischen Form gegenüberstellen möchten? Interesse daran haben, diesen Schauplatz aufzusuchen und dem kollektiven Abgleisen aus der Zivilisation beizuwohnen? Ich jedenfalls ja. Das offizielle Plakat hätte mich aber völlig in die Irre geführt und nicht interessiert.

    Denkbar, dass Mut zu Subversion und Verärgerung zu einem kleinen Skandal führen könnten. Doch ist eine wie auch immer geartete heftige Reaktion nicht zigfach besser als gar keine? Ansonsten droht nämlich das zu passieren, was vielen deutschen Filmen passiert: Man gewinnt ein paar Kritikerpreise und im Kino geht man anschließend völlig unter. Niemand bekommt ihn mit. Und niemand kann ihn danach in typisch deutscher Tugendwächtermanier schlimm und gefährlich finden.

    Die Furcht vor Subversivem ist hierzulande tief verankert. Die politischen Vorzeichen sind in der demokratisch-liberalen Bundesrepublik zwar nun umgekehrt, doch man neigt dazu unbewusst eine Tradition des Autoritären fortzusetzen.
    Wie in der Artikelreihe „Die Gedanken sind frei“ bereits aufgezeigt, zieht es sich wie ein roter Faden vom Kaiserreich über die NS-Diktatur bis hin zur DDR und Nachkriegs-BRD: Nicht eindeutig bestimmbare, interpretationsoffene und abgründige Werke, wurden oft sehr kritisch betrachtet. Die Konfrontation des Bürgers mit solchen Inhalten ohne einen angelegten Sicherheitsgurt oder eine mitgelieferte, zweifelsfreie Bedienungsanleitung, wurde immer wieder versucht zu verhindern oder durch von Angst und Ordnungsgeist durchzogenen Argumentationen grundsätzlich in Frage gestellt.

    In den Tagebüchern von Goebbels findet sich z.B. am 29. März 1933:

    »Film 'Dr. Mabuse' von Fritz Lang gesehen. Praktische Anleitung zum Verbrechen. Wird verboten.«

     

    Mitten ins Rückenmark

    Es ist also nicht nur Geld für bessere Grafiker und Werbeagenturen, welches in den Budgetkalkulationen fehlt. Die „Schere im Kopf“ raubt vielen Filmen ihr Potenzial. Das vorauseilende Einhalten von Vorgaben, was man zeigen und was man nicht zeigen darf. Die Unlust, und wohl auch Unfähigkeit, den Zuschauer zu verführen und zu manipulieren. Dabei ist dies die größte Stärke des Kinofilms.

    Wie bereits schon mal in einem anderen Blog-Artikel bekundet, haben sich viele Zuschauer längst vom allzu Pädagogischen, allzu Oberlehrerhaften, dem Ist-wie-es-ist vieler deutscher Filme abgewendet. Und strömten lieber in Quentin Tarantinos breitbeinigen Genrefilme „Inglorious Basterds“ und „Django Unchained“, die auf ihre Art sehr viel mehr erreichten als alle Aufklärungsdramen zusammen, da sie Rassismus, Genozid und die überwältigende Macht des Bösen erfahrbar und erlebbar machten. Und das nicht nur einem überschaubaren Bildungsbürger-Publikum, welches sich seine Ansichten filmisch bestätigen lässt, sondern gegenüber Millionen von Menschen unterschiedlichster Couleur.

    Nicht nur in den Filmen, auch in den Plakaten benötigt die deutsche Filmkultur mehr Mut und mehr Willen. Keine alten Rezepte sondern Appetitanregendes. Bilder, die ins Auge springen und dort bleiben. Die etwas erzählen ohne es auszuerzählen. Verheißen bis hin zu verstören statt nur einfach ‚plakativ‘ auszuschildern. Folgende drei aktuelle Filme des Neuen Deutschen Genrefilm zeigen zum Beispiel, wie man das Publikum direkter anspricht und den zugehörigen Film spürbarer macht als die beiden eingangs gezeigten Plakate:

    Oder als weiterer direkter Vergleich das legendär schlechte Teaser-Plakat zu „Krabat“, komplett mit verunstaltetem Photoshop-Emboss-Effekt und einer minimal bearbeiteten Feder, die offenbar aus der Bilderdatenbank von Wikipedia stammt. Der düstere Märchenfilm „Krabat“ von 2007 – Deutschlands erster Gehversuch in Richtung Fantasy seit „Momo“ und „Die unendliche Geschichte“ hatte ein Budget von rund 10 Mio. EUR. Aber offenbar niemanden, der ein solches Plakat verhindern konnte: