1. Fussball, Storytelling und der deutsche Film, Teil 2

    04.08.2014 /// /

    blog_Fussball_06
    In Teil 1 von Fußball, Storytelling und der deutsche Film haben Katti Jisuk Seo und Mark Wachholz gezeigt, wie britische Fußballkommentatoren durch Frage-Antwort-Muster, Vorausschau, Figuren-Intentionen und Fallhöhen dramatisch erzählen und dass diese Spannungstechniken in der tatsächlichkeitsfixierten deutschen Erzählkultur fehlen. Der zweite Teil zeigt jetzt, wie die Briten im Spiel entscheidende dramatische Konflikte identifizieren, sie zu einer großen Erzählung verknüpfen und dieser Story eine für den Zuschauer sinnstiftende Bedeutung zuweisen, die über das Fußballspiel hinausgeht. Diese Einblicke in die komplexen Mechaniken von Storytelling können auch dem deutschen Film zugute kommen.
    blog_DarkDrama_DownloadPDF01
    Teil 1: Oceans of Space
    Teil 2: A Test of Brazilian Character
    Teil 3: Falling Apart
     

    A Test of Brazilian Character

    Kollektives Koma

    Ein allgemeines Gefühl beherrscht die Diskussion über die Qualität des deutschen Films: Dieser sei wenig mitreißend, wenig dramatisch, unterkühlt oder schlichtweg sterbenslangweilig. »Gekünstelte Dialoge. Reglose Gesichter. Ausführliche Rückenansichten von Leuten. Zäh zerdehnte Zeit.« So beschrieb anlässlich der Berlinale 2013 Regisseur und Drehbuchautor Dietrich Brüggemann deutsche Filmkunst in »Fahr zur Hölle, Berliner Schule«. Zur gleichen Zeit stellte auch Spiegel-Kolumnist Georg Diez »Sprachlosigkeit«, »Ödnis«, »Erstarrung« und »Erschöpfung« in deutschen Filmen fest und schrieb in »In deutschen Adern Eiswasser«: »In den Beiträgen des Gastgeberlandes werden Langeweile als Triumph der höheren Kunst und schlechte Laune als tieferer Sinn gefeiert.«

    Trashfilm-Rebell Klaus Lemke wird gern damit zitiert, dass deutsche Filme »wie Grabsteine« wären. Die Phrase »Für einen deutschen Film nicht schlecht« gilt als Ehrung, aus der pures Erstaunen spricht, wenn ein deutscher Film aus Zuschauersicht einmal nicht langweilig, gewollt oder banal daherkommt – oder im Gegenteil sogar noch den Zuschauer packt und reinzieht.

    Dass die hiesige, von Durchschnittlichkeit, Pseudo-Relevanz und zeitgeschichtlicher Andacht durchdrungene Kino-Dutzendware von neugierig machender Verheißung, erzählerischer Spannung und emotionaler Explosivität befreit ist, spiegelt sich nirgends stärker wider als in den Zuschauerzahlen. »Noch nicht einmal fünf Prozent der produzierten Filme erreichen Besucher in nennenswerter Zahl«, schreibt jüngst Regisseur Eckhart Schmidt in »Wir müssen hier raus« im Freitag. Michael Cholewa rechnet in »Filmförderung vs. Publikum« vor, dass pro Jahr etwa 90 von 100 geförderten deutschen Spielfilmen weniger als 10.000 Zuschauer in die Kinos locken. Weil grob gerechnet ein durchschnittlicher Spielfilm je nach Budget zwischen 500.000 und 1.000.000 Zuschauer bräuchte, um zumindest die Kosten wieder einzuspielen, schaufeln wir hier nichts anderes als ein Massengrab nationaler Kinokultur.

    Rückblick und Ausblick

    Es steht zu vermuten, dass nach Jahrzehnten verkopfter, teilweise amateurischer deutscher Kinokultur im Geiste eines wohlstandsbürgerlich-prätentiösen Sozialen Realismus’, eines großstadtkomödiantischen Konsenskinos und einer Degetoisierung der Filmsprache das Wissen um die Geheimnisse packenden Storytellings schlichtweg verlorengegangen ist. Doch der Mangel an dramatischen Erzähltechniken scheint sich auch durch andere Bereiche zu ziehen, beispielsweise in der öffentlich-rechtlichen Fußballkommentierung.

    Im Gegensatz dazu lehrt uns der britische Fußballkommentar Mechanismen des mitreißenden Geschichtenerzählens. Die dazu grundlegenden Prinzipien des Spannungsaufbaus finden sich in Teil 1: Oceans of Space: Demnach ist aktives Storytelling vorausschauend, indem mit Interpretationsmut Hypothesen aufgeworfen, Intentionen unterstellt und Ahnungen einer möglichen Zukunft formuliert werden. Beim Film dient dies dazu, Figuren mit Drive auf ein konkretes Ziel auszurichten und dadurch nach vorn gerichtete Erzählbögen zu spannen. Das Gegenteil davon, das wir vermehrt beim deutschen Film wahrnehmen, ist das tendenziell faktische, beobachtende Nacherzählen von Ereignissen.

    Dieser zweite Teil stellt nun das Identifizieren dramatischer Konflikte und deren bedeutungsgebende Interpretation durch den Erzähler als konkrete Storytelling-Tools in den Mittelpunkt. So jedenfalls spannen die beiden BBC-Kommentatoren Steve Wilson und Martin Keown im WM-Halbfinalspiel Brasilien gegen Deutschland von Tor zu Tor einen packenden Storybogen, der die sportlichen Ereignisse dramatisch narrativiert. Und das live.

    blog_Fussball_11

    Das erste Tor: Charakterstärke als dramatischer Prüfstein

    Es läuft die 11. Minute des Spiels. Erinnern wir uns: Die deutsche Mannschaft hat sich gerade nach Marcelos Ballverlust eine Ecke erspielt. Viel steht für beide Seiten auf dem Spiel – und insbesondere von den Brasilianern wird erwartet, dass sie nicht nur dieses Spiel gewinnen, sondern auch die ganze Weltmeisterschaft. In diesem Moment tritt Toni Kroos den Eckstoß, und Thomas Müller schießt völlig ungedeckt das 1:0 für Deutschland. Unvermittelt gerät für die Brasilianer die Welt aus den Fugen. Ein Ungleichgewicht tritt ein, das sich im Fußball ganz einfach in Zahlen ausdrückt: eins zu null. Wie in Teil 1 geschildert, ist eine aus den Fugen geratende Welt der beste Zündstoff für dramatische Konflikte.

    Nicht so beim ZDF. Béla Réthy kommentiert nach dem Tor zusammenfassend: »Thomas Müller. Wieder ein Standard. Ein lange vernachlässigtes Projekt bei Joachim Löw. Führt bei dieser WM zum fünften Tor bereits. [Schweigen] Fünf Tore in sechs Spielen. Hat auch schon zwei vorbereitet. Hat das Turnier begonnen als Mittelstürmer, seit Klose drin ist als Rechtsaußen. Das macht ihm alles nichts. Er trifft von überall.« (12. Minute)

    Der deutsche Kommentar ergeht sich einmal mehr in rückwärtsgewandter Erklärung und Faktenhuberei. Die Briten dagegen beweisen sofort großes Storytelling-Gespür. Weil das Ungleichgewicht zu Ungunsten der Gastgeber kippt und auf diesen schon vor dem Spiel der viel größere Erwartungsdruck lag, liegt das größte narrative Spannungspotential und damit der Fokus der Story natürlich bei den Brasilianern. In dem ersten Tor gegen Brasilien identifizieren die Kommentatoren einen ersten entscheidenden Wendepunkt: »Now, a big test of Brazilian character.« – »We’re gonna see what they’re made of now.« Im gegenseitigen Dialog spitzen sie die Situation auf einen konkreten dramatischen Konflikt zu, der durch das Aufwerfen einer konkreten dramatischen Frage in die Zukunft gerichtet ist.

    Zog das Spiel seine dramatische Spannung bis eben noch ganz allgemein daraus, dass beide Mannschaften das Spiel gewinnen wollen, sehen sich die Brasilianer – und wir als Zuschauer mit ihnen – unvermittelt einem sehr konkreten dramatischen Konflikt gegenüber: Sie müssen ›Charakterstärke‹ beweisen, zeigen, ›was in ihnen steckt‹. Nur dann können sie das Spiel gewinnen … so zumindest narrativieren es uns die britischen Kommentatoren. Und weil sie das tun, ziehen sie uns als Zuschauer dichter ans dramatische Geschehen.

    Ein Konflikt ist um so ›dramatischer‹, je schwerer die Aufgabe für die Figur zu erfüllen ist – beispielsweise eine Herausforderung, deren Bestehen unmöglich erscheint, ein Problem, das unlösbar scheint, oder ein Dilemma, das nicht aufgelöst werden kann. Interessanterweise haben die BBC-Kommentatoren die schwere Erfüllbarkeit dieses ›Charakter-Tests‹ bereits aufgebaut, als sie Sekunden vor dem ersten Tor eine »slight nervousness from Brazil« bemerken.

    Storyeskalation und neue Zwischenziele

    Der Plotverlauf einer Geschichte steuert nie pfeilgerade aufs Finale zu, sondern wechselt immer wieder seine Richtungen: Der Protagonist knallt hart gegen unerwartete Hindernisse, die ihn zwingen, ein immanentes Problem zu lösen oder eine akute Herausforderung zu meistern. Auch sein langfristiges Hauptziel kann sich mit jeder Richtungsänderung verschieben oder sogar gänzlich durch ein neues Ziel ersetzt werden.

    Man kann diese stufenweisen Veränderungen im Plotverlauf dramatische Eskalationen nennen. Spielen sie eine zentrale Rolle in der Gesamtdramaturgie der Story, spricht man in der Fachliteratur auch gern von Wendepunkten. Dramatische Fragen, die bis zu diesem Zeitpunkt im Raum stehen, erhalten in diesem Moment Antworten (wenn auch nicht immer abschließende). Dadurch fällt naturgemäß Spannung ab. Damit der Zuschauer gefesselt bleibt, braucht es eine nächste Herausforderung, neue Stakes, ein nächstes dramatisches Zwischenziel, das neue Spannung und emotionale Involvierung erzeugt.

    Im Halbfinalspiel ist das erste Tor der Deutschen in der 11. Minute eine solche dramatische Eskalation. Die zu Beginn des Spiels von den Kommentatoren formulierte dramatische Frage (»Who is heading to the Maracanã? […] Will [Brazil] get the opportunity?«) erhält eine erste negative Antwort – und wandelt sich zu: Wird Brasilien die Chance aufs Finale mit diesem Rückstand wahren können? Man ahnt: Sicher – wenn sie jetzt Nervenstärke zeigen und sich nicht durch dieses frühe Tor beeindrucken lassen. Weil diese ›Nervenstärke‹ jetzt so immanent wichtig ist, um weiter an den Traum vom Maracanã glauben zu können, erhält die Story hier ein konkret benanntes neues dramatisches Zwischenziel: Vor allem anderen müssen die Gastgeber jetzt den »big test of Brazilian character« bestehen. Sie müssen offenbaren, aus welchem Holz sie geschnitzt sind.

    blog_Fussball_08

    Vom Wunder erzählerischer Präzision

    Bemerkenswert ist, wie genau die BBC-Kommentatoren diese neue dramatische Ziel ihrer Story benennen, mit Interpretationsmut Vorausdeutungen wagen (»We’ll gonna see what they’re made of now.«) und damit eine extrem eng gefasste dramatische Frage aufwerfen.

    Aber liegt es nicht auf der Hand, dass die Unterlegenen jetzt die Nerven behalten müssen? Ist es nicht besser, den Zuschauer seinen eigenen Gedanken und Gefühlen zu überlassen? Es gibt eine elitäre Ablehnung in der deutschen Erzählkultur, dem Zuschauer Emotionen, Haltungen oder Gedanken aufzuzwingen. Das führt jedoch dazu, dass Filme immer vager werden in dem, was sie erzählen – bis hin zur völligen Diffusion dramatischer (und auch thematischer) Erzählpartikel. Weil in solchen Filmen nichts Spezifisches mehr herausgehoben wird, soll sich jeder selbst was denken können. Es scheint hierzulande der schnellste Weg, um als Filmkunst anerkannt und mit Preisen bedacht zu werden. Das, was Georg Diez »Langeweile als Triumph der höheren Kunst« nennt, kennt man auch als ›des Kaisers neue Kleider‹.

    In der Kunst, und um so mehr in der Erzählkunst, geht es gerade darum, Verantwortung zu zeigen und Dinge zu sagen, die andere vielleicht nur denken. Erst durch die Präzision, die Konkretisierung von dramatischen Konflikten und erzählerischen Themen kann sich ein Zuschauer qualifiziert zu dem Gesagten und Gezeigten – also der Haltung und Richtung der Geschichte – zustimmend oder ablehnend in Beziehung setzen. Erst dann wird eine Geschichte zu einer Folie der Gedanken, Gefühle und Haltung des Zuschauers.

    Deshalb ist es so wichtig, den Zuschauer konkret und präzise über jeden aktuellen Richtungswechsel und neuen dramatischen Konflikt zu informieren. Nur dann baut sich Szene für Szene neue Spannung auf, nur dann sehen wir, in welche Richtung der Plot schwenkt und was sich im Vergleich zu den Szenen zuvor nun geändert hat. Je mehr uns die Natur des Konflikts, seine neue Richtung und seine Fallhöhe klar sind, desto mehr können wir mit jeder neuen Herausforderung und jedem neuen Zwischenziel auf dem langen Weg zum Finale mitfiebern.

    Die Kontextualisierung dramatischer Konflikte

    Wir sind noch immer in den Minuten nach dem ersten Tor. Kaum haben uns die BBC-Kommentatoren für den kommenden brasilianischen Kampf um die eigene Nervenstärke sensibilisiert und emotionialisiert, wagen sie sogleich in der 13. Minute vorausschauend eine starke Hypothese für den gesamten weiteren Spielverlauf: »Not sure if the will of the nation is beatable, but the team looks beatable.« Mit dem Zweifel an der Unschlagbarkeit der brasilianischen Mannschaft schlagen die Kommentatoren direkt nach der Benennung des dramatischen Zwischenziels (des Charakter-Tests) auch einen Bogen zurück zum großen übergreifenden Ziel des Spiels: dem Einzug ins Finale.

    Das ist Kontextualisierung: Das unmittelbare dramatische Ziel und das Hauptziel der Story werden in direkte Beziehung zueinander gesetzt. Erst die Kontextualisierung macht das erfolgreiche Bewältigen eines Tests der Charakter- und Nervenstärke nicht nur zu einem beliebigen Zwischenziel von allenfalls singulärer und damit behaupteter dramatischer Spannung, sondern zur einzigen Lösungsmöglichkeit des Kernproblems: Wie kann die geschwächte brasilianische Mannschaft trotz Rückstand das deutsche Team doch noch besiegen? Indem sie Charakterstärke zeigt.

    Die Frage, ob Brasilien diesen Test bestehen wird, zieht sich über das gesamte folgende Spiel. Und gerade weil sie so präzise formuliert ist, sind wir als Zuschauer in der Lage, uns während des Spiels unsere eigene Meinung dazu zu bilden. Erst am Ende werden uns auch die BBC-Kommentatoren Martin Keown und Steve Wilson ihre finale Antwort auf diese Frage geben.

    Das zweite Tor: »A Mountain to Climb«

    Die britischen Kommentatoren haben ihre komplexe Narration des Fußballspiels also bereits in Gang gesetzt. Schon längst wissen wir als Zuschauer, dass seit Beginn des Spiels eine ›Bombe‹ unter den Füßen der Brasilianer tickt (siehe Teil 1 des Essays) und jetzt einmal bereits hochgegangen ist. Kurz vor dem zweiten Tor weisen die BBC-Kommentatoren sogar noch einmal explizit auf diese »oceans of space« hin. Wir wissen jetzt auch, dass Brasiliens Erfolg einzig und allein davon abhängt, ob sie ihre sichtbare Nervosität abschütteln und über sich hinauswachsen können, als Miroslav Klose in der 23. Minute nach Vorarbeit von Kroos und Müller den Ball zum zweiten Mal im Netz versenkt.

    Durch die zuvor präzisierte dramatische Frage bringt dieser Wendepunkt nun die Antwort: Die Brasilianer haben sich innerlich nicht festigen können, um ein weiteres Gegentor zu verhindern. Der vor zehn Minuten etablierte dramatische Konflikt scheint zunächst aufgelöst, durch die – vorläufige – Beantwortung könnte jetzt Spannung abfallen. Doch dazu lassen es die BBC-Kommentatoren gar nicht kommen. Sogleich kicken sie ihre Story, sprachlich gewandt, auf ein neues Level. Noch bevor der Zuschauer überhaupt die Wiederholung des Tors zu sehen bekommt, heißt es im britischen TV bereits: »And Brazil have a mountain to climb in their own backyard against Germany!«

    Mit dieser erneut präzisen, erneut vorwärtsgewandten Fokussierung der nun gewachsenen Herausforderung kreieren die Briten nach dem ›test of character‹ direkt den nächsten dramatischen Konflikt, der unsere Nerven angespannt hält. Doch mehr noch: Weil uns die britischen Kommentatoren ihre Geschichte in sprachlichen Bildern, in Metaphern, erzählen, bauen sie eine Brücke zwischen den Ereignissen in der Fußballwelt und unserer eigenen Welt. Das ist der Punkt, an dem die Geschehnisse einer Geschichte beginnen, mit uns selbst zu tun zu haben.

    blog_Fussball_07

    Metaphorisches und allegorisches Erzählen

    Metaphorisches Erzählen ist Bedeutungsübertragung. Es gibt Abstraktem eine bildliche, visuell fassbare und damit verstehbare Gestalt. Objekte, Ereignisse, Figuren und ihre Handlungen oder eine ganze Storywelt stehen für etwas anderes und nicht für sich selbst. Das, was man eigentlich dem Zuschauer ›sagen‹ will, oder das, was sich nur umständlich ausdrücken lässt, wird in Bildern (visuellen oder sprachlichen) externalisiert. Das einzelne Bild, das für etwas anderes steht, ist eine Metapher. Gliedern sich Metaphern in eine Narration ein, so nennen wir diesen ›Metaphernkomplex‹ eine Allegorie.

    Bilder – auch sprachliche – sagen deshalb ›mehr als tausend Worte‹, weil sie einerseits kompakter und andererseits gleichzeitig reicher texturiert sind. Sie geben uns fast unendlich Raum zu eigener Interpretation. Unser Gehirn ist darauf konditioniert, visuelle Eindrücke zu strukturieren und zu deuten. Es zieht seine Befriedigung daraus, selbst Zusammenhänge zu finden. Vielleicht kann es sogar nichts besser als das. Deshalb wollen wir Erkennen und Deuten bzw. wir können es gar nicht nicht tun. Und deshalb involvieren Bilder und Metaphern den Zuschauer automatisch in einen Deutungsprozess. Sie werfen Fragen in unseren Köpfen auf.

    Was das für Spannungsaufbau und Zuschauerbindung bedeutet, haben wir in Teil 1 dieses Essays dargelegt.

    Ein Fußballspiel wird zur Allegorie

    Wenn die BBC-Kommentatoren von einem »big test of Brazilian character« oder einem »mountain to climb in their own backyard« sprechen, schlagen sie eine Brücke zwischen Fußball und unserer eigenen Welt. Dort haben wir – in übertragender Weise – vergleichbare Erfahrungen gemacht.

    So werden wir als Zuschauer in einen Deutungsprozess involviert und können Eigenes in Charakter-Test und Bergerklimmung im eigenen Hinterhof interpretatorisch entdecken. Die BBC-Kommentatoren generieren so Bedeutung, die über den Fußball hinausgeht. Das Geschehen in einem WM-Halbinfale wird nicht nur in der Kommentierung in sprachliche Bilder gefasst – die aufregenden Spielsituationen selbst werden zu Sinnbildern unserer eigenen Lebenserfahrungen.

    »Brasilien ist schwindelig gespielt« begibt sich zum Zeitpunkt des zweiten Tors auch Béla Réthy mal in metaphorische Gefilde (zwei Tore später wird noch ein »Brasilien taumelt« folgen). Während Réthy jedoch bei diesen singulären Bildern der Momentbeschreibung stehenbleibt und lieber nachvollzieht, wie das Tor genau erspielt wurde, benutzen die Briten ihre Metaphern, um damit vorwärtsgewandt die nächsten Herausforderungen genau zu präzisieren. Solche Erzähl-Mechanismen erzeugen eine tiefe Resonanz in uns, denn in Storys wollen wir etwas über unser eigenes Leben (wieder)erkennen. »Wird dieses überdrehte Kettenkarussel Brasilien aus den Sitzen schleudern, oder werden sie aus den Fliehkräften noch einmal neue Energie für einen Gegenschlag gewinnen können?« Diese zielgerichtete Frage hätte Béla Réthy aus seinen Bildern des Taumels und Schwindels machen können. Doch ihm gelingt es nicht, das narrative Potential seines eigenen Bildes auszuschöpfen. Erst durch eine zielbestimmte Narrativierung wird das Fußballspiel zur Allegorie, zu einem emotionalisierten Metaphernquell für unser eigenes Leben.

    Der bilder- und bedeutungsbefreite deutsche Film

    Man kann die Wichtigkeit von metaphorischem, bildhaftem Erzählen gar nicht stark genug betonen – in der Fußballkommentierung nicht, erst recht aber nicht im Film. Dabei offenbart auch die deutsche Filmlandschaft, wie der deutsche Fußballkommentar, eine weitgehende Inkompetenz, Metaphern anzuwenden. Der deutsche Film sucht das reale Abbild, so wie auch der Fußballkommentar nur faktisch beschreiben will, ›wie es sich tatsächlich zuträgt‹.

    Dabei hat jede Einstellung, jede Figur, jedes Objekt und jede Handlung im Film metaphorisches Potential. Wer das erkennt, kann die metaphorische Wirkung eines Films und damit das Involviertsein des Zuschauers massiv verstärken.

    Doch seit Ende der Nazizeit hat die deutsche Erzählkultur Angst vor Manipulation durch Bilder. Bis 1945 wurden Manipulation und Überhöhung im Exzess für Propagandazwecke genutzt und deshalb im Zuge des Jungen Deutschen Films – sicherheitshalber – von aller visueller Externalisierung und Objektifizierung befreit. Weil sich der deutsche Film damit seiner stärksten erzählerischen Waffe beraubt hat, muss er nun alles, was er sagen will, aussprechen, anstatt es zu zeigen und verweigert sich damit dem bekannten Lehrsatz des Storytellings ›Show, don’t tell‹.

    Die suggestive Kraft eines bedeutungsgeladenen Bildes wird als Gefahr verstanden, als narrative Manipulation, gegen die man sich unbedingt zu wehren hat. Das Abbild darf nicht mehr für etwas anderes als für sich selbst stehen. Da soll im Zweifelsfall ein Apfel lieber nur ›ein Apfel‹ bedeuten und eine arbeitslose depressive Frau eine ›arbeitslose depressive Frau‹. Höchstens steht sie noch für ›arbeitslose depressive Gesellschaftsgruppen‹ im Allgemeinen – doch sie erhält keine Bedeutung, keine Sinnübertragung, die aus der eigenen Erzählwelt hinausragt. Stattdessen wird die Bedeutung solcher deutschen Filme über eine sakrosankte ›gesellschaftliche Relevanz‹ hergeleitet. So entsteht eine Filmkultur mit erhobenem Zeigefinger.

    Film muss nicht allegorisch sein, er sollte aber die Möglichkeit haben. Nicht-metaphorisches Erzählen mit der Fähigkeit, Reales faszinierend präzise zu erfassen, hat einen eigenen erzählerischen Wert. In der deutschen Filmlandschaft ist die Kultur des realen Abbilds jedoch überdominant, unpräzise und bieder. Julius Hagen schreibt in »Warum der deutsche Film uns langweilt und wie man ihn retten kann« von einem »seichten Bilderkosmos, dessen Urheber sich nicht an die Sollbruchstellen und Verwerfungen der Gegenwart herantrauen oder sie beiläufig abwiegeln. Wo das Medium Film ein Abbild der Abgründe der Republik ermöglichen könnte, wird dem deutschen Kinobesucher eine konsumerable Retusche seiner Lebenswirklichkeit vorgesetzt.« Metaphorisches Erzählen dagegen hat hierzulande keine Tradition mehr und ist entweder durch eine Verweigerungshaltung oder durch fehlendes Können schlichtweg verunmöglicht.

    Béla Réthys singuläres Einwerfen von Metaphern, ohne aus diesen etwas Weiterreichendes zu kreieren, lässt jedenfalls die Vermutung zu, dass es durchaus Drang nach metaphorischem und allegorischem Erzählen gibt, dieses jedoch in Jahrzehnten der Manipulationsphobie verlernt wurde.

    »Shake Up the Unshakeable«

    Es ist die 24. Minute. Wir haben gerade erst die neue dramatische Wende des 2:0 hinter uns. Der erfahrene Fußballzuschauer weiß, dass, insbesondere bei einer Weltmeisterschaft, zwei Gegentore eine Mannschaft schon nah an den Rand der sicheren Niederlage bringen. Nachdem die BBC-Kommentatoren uns einen Berg vor die Augen gezeichnet haben, verdichten sie dieses nächste dramatische Ziel zusätzlich noch einmal in einer prägnanten, bildreichen Frage: »How do Brazil shake up the unshakeable?«

    Dies ist verdichtetes Storytelling: eine in sprachliche Bilder gefasste Frage, die nach Antwort verlangt; eine Vorausdeutung in die Zukunft; die schiere Unmöglichkeit des Ziels (»the unshakeable«) mit einem größtmöglichen, sogar unlösbaren Konflikt (»shake up the unshakeable«) – und der ferne, aber noch immer nicht unmögliche Triumph in dem Spiel. So dramatisiert man einen Konflikt.

    Beim ZDF spürt man jetzt irgendwie auch, dass etwas Erzählenswertes in der Luft liegt. Aber im Vergleich zur BBC klingen Béla Réthys Worte fast wie eine unfreiwillige Parodie, die vor Zusammenhanglosigkeit nur so strotzt: »Brasilien beginnt bereits jetzt zu trauern. Is aber noch zu früh. [Schweigen] An fünf von zehn brasilianischen Toren war Neymar beteiligt. Da gibt’s keine Alternative, keine gleichrangige.«

    blog_Fussball_12

    Das dritte und vierte Tor: Dream vs. Fantasy

    Wir befinden uns noch immer in der 24. Minute. Philipp Lahm hat gerade einen Pass in diese »all kinds of space« in den Strafraum gespielt. Müller verpasst ihn. Aber Toni Kroos erwischt ihn auf dem Fuß und donnert ihn direkt aufs Tor. Der Ball fliegt noch, als der BBC-Kommentator ausruft: »It could be embarrassing!« Man stelle sich das nur einmal vor: Noch den Wimpernschlag, bevor der Ball im Netz landet, nutzt der Kommentator, um das Geschehen in dramatischer Weise zu narrativieren, um wenigstens für den Bruchteil einer Sekunde eine Vorausschau und damit weiteres Spannungspotential zu generieren.

    Drei zu null. Die Brasilianer haben den Ball noch nicht einmal aus dem Netz gefischt, da haben die britischen Kommentatoren bereits eine neue Metapher und ihre narrative Bedeutung für das gefunden, was sich vor ihren staunenden Augen abspielt: »Brazil have fallen apart inside 25 minutes.« Und dann »The dreams of 200 [million] Brazilians look now like mere fantasy.«

    Der letzte Satz ist besonders interessant, da er wie ein Abgesang und das Ende der Story klingt: Der Traum der Brasilianer geht zu Ende, alle dramatischen Fragen scheinen spätestens jetzt beantwortet. Doch für die BBC-Kommentatoren ist auch das dritte Tor eine weitere neue Richtung der Story, die sie erzählen. Erneut kontextualisieren sie das Ereignis hinsichtlich des dramatischen Hauptziels (des Weltmeistertitels im eigenen Land) und bleiben damit in ihrer Narration weiter nach vorne gerichtet. Der neue dramatische Konflikt, den sie aufmachen, liegt ganz einfach darin, dass das große Ziel vom Reich der Träume ins Reich der Phantasie katapultiert wurde.

    Ist da ein Unterschied? Vor allem einer, der groß genug ist, um darin einen neuen dramatischen Konflikt zu sehen, der die Spannung des Zuschauers wieder steigert? Ja, der Unterschied ist erzählerisch signifikant (auch wenn die Briten die begriffsscharfe Trennung selbst später nicht immer hundertprozentig durchziehen werden): ›Traum‹ ist hier eine Erwartung innerhalb realistischer Parameter. ›Fantasy‹ ist eine Erwartung innerhalb unrealistischer Parameter. Beides kann Grundlage einer spannenden Geschichte sein: Welchen Weg geht eine Figur, die einem Traum nachgeht, und welchen, wenn sie nach einer Fantasy strebt? Und wie stehen die beiden zueinander in Kontrast?

    Gute Storyteller könnten aus diesen dramatischen Polen spannende Konflikte und bedeutungsvolle Geschichten stricken. Die BBC-Kommentatoren hätten es sicher auch vermocht. Doch die Ereignisse überschlagen sich: Kaum haben sie »Fantasy« als neuen Bedeutungsrahmen der Story anvisiert, fällt in der 26. Minute das vierte Tor – erneut durch Toni Kroos. Steve Wilson fasst das Unfassbare zusammen: »The dream … the fantasy, is well and truly dead.«

    Die Story bis hierhin

    Bis hierhin haben uns die BBC-Kommentatoren entlang eines ereignisreichen und dramatischen Storybogens durch das Spiel geführt: Wir folgten der brasilianischen Mannschaft mit ihrem Traum, im eigenen Land Weltmeister zu werden. Um diesen Traum Wahrheit werden zu lassen, mussten sie zuerst unter erschwerten Bedingungen Nervenstärke zeigen (»test of character«), dann standen sie vor einer Herausforderung, die ihnen alles abverlangen würde (»mountain to climb«). Mit dem dritten Tor wurde der Traum zur reinen Fantasie (»mere fantasy«). Das vierte Tor schließlich zerschmetterte jetzt sogar diese ferne Fantasie vom Weltmeistertitel (»The fantasy is well and truly dead«).

    Die gleichen Ereignisse beim ZDF: Zum Anlass des ersten Tores haben wir erfahren, dass Standard-Situationen lange von Löw vernachlässigt wurden, das zweite Tor war ein »schwindlig« spielender »Wahnsinn!«, und das dritte verdiente ein »Was ist denn hier los!«, während das vierte Tor zu »Taumel« und »Es ist eine Demütigung« führte. Von Narration ist in diesem Fakten- und Exklamationsgewusel mit seinen vernachlässigbaren Bedeutungs- und Metaphernsprenkeln weit und breit nichts zu spüren.

    Während Béla Réthy höchstens ausspricht, was im genauso baffen Zuschauergehirn vor sich geht, und dem Publikum damit nichts Neues erzählt, bringen die Briten die Gedankenmasse des Zuschauers in eine ganz eigene neue Form. Die Ereigniskette des Spiels wird narrativ bewertet. Die BBC-Kommentatoren definieren mit jedem Tor das akute dramatische Ziel neu. Sie fassen dem Zuschauer zusammen, was ab sofort zu leisten ist und was auf dem Spiel steht. Die in Teil 1 aufgeschlüsselten Grundprinzipien des Spannungsaufbaus – Vorausschau, Frage-Antwort-Schema, Intentionen, Interpretationen und Stakes – werden dabei immer wieder mustergültig durchexerziert.

    blog_Fussball_09

    Sinnstiftung und das Knüpfen von Bedeutungsnetzen

    Im Überblick dieser vier Tore lässt sich erkennen, was zu kraftvollem Storytelling gehört: Sinnstiftung – das Konstruieren von Bedeutung und (erzählerischen) Zusammenhängen in den Ereignissen, derer wir Zeuge werden. Sinnstiftung (also Bedeutungsgebung) ist zentral für eine Geschichte, die nachhallen will. Die erzählerische Mechanik dafür liefert das weiter oben geschilderte metaphorische Erzählen – also das Verständnis davon, dass das, was wir sehen, eine Folie ist, auf der wir eine darüberliegende Bedeutung hineinlesen (oder aktiv entdecken) können. So weisen auch die BBC-Kommentatoren den verschiedenen Ereignissen im Spiel jeweils eine konkrete Bedeutung zu.

    Die Briten setzen mit Hilfe von Storytelling-Tools jedes Tor mit seiner dramatischen Bedeutung in eine Relation (siehe Teil 1) zu den zuvor generierten Bedeutungen. Genau wie Béla Réthy stellen auch sie beim vierten Tor fest: »Brazil are being humiliated, humbled and taken apart by Germany.« Durch den zuvor eingeleiteten Charakter-Test erhält diese »Demütigung« hier jedoch im Gegensatz zu Réthys Worten erst ihr narratives Gewicht. Das Sterben der »Fantasy« mit dem vierten Tor bezieht seine Spannung aus dem vorherigen »dreams are mere fantasy now«. Dadurch kreieren die BBC-Kommentatoren nicht nur einzelne Bedeutungen, sondern schaffen Zusammenhänge zwischen diesen und weben dadurch ein gesamtes Bedeutungsnetz, dessen Fäden sie Schritt für Schritt enger schnüren. Durch diese Kontextualisierung entsteht Sinnstiftung.

    Béla Réthy verdramatisiert sich schwindelig

    Béla Réthys singuläre Bedeutungsgebungen und Metaphern bleiben dagegen einzelne Punkte, die ohne Verbindungen erzählerisch bedeutungslos und damit dramatisch verloren sind. Den Kontext, den er versucht herzustellen, um die Bedeutung der unglaublichen Spielentwicklung zu erfassen, ist ein faktoider – und rückwärtsgewandter: »Das erinnert ja an das Viertelfinale 2010. Gegen Argentinien. Da ging’s Vier zu Null aus. Vier zu Null in der 26. Minute!« Der Zusammenhang ist erzählerisch leer. Er hat nur statistische, aber keine sinnstiftende Bedeutung.

    Letztendlich sagt Réthy auch selbst, dass er nicht weiß, wie er das Ergebnis kommentieren soll, und erkennt allenfalls das Mitleid, das man mit Brasilien haben kann: »Das Schlimmste, was ein Fußballspieler sich anhören muss, ist Mitleid. Aber was Anderes fällt einem nicht ein im Moment, wie sich die Brasilianer jetzt fühlen müssen. Sind völlig von der Rolle.« (28. Minute)

    Als er doch kurz darauf versucht, in seltener vorausschauender Dramatisierungslaune einen dramatischen Konflikt zu benennen, tut er das ausgerechnet für die deutsche Mannschaft (bei der schon lange nichts mehr auf dem Spiel steht). Dabei liefert er noch einmal ein schönes Beispiel, dass dramatischer Konflikt eben wirklich nur dann entsteht und fesselt, wenn man die Lösung eines schier unlösbaren Problems als Ziel setzt – und nicht wie Béla Réthy es in der 29. Minute versucht: »Jetzt bin ich mal gespannt, wie die deutsche Mannschaft mit diesem Hyperpositivergebnis umgeht. Man muss ja trotzdem versuchen, die Konzentration hochzuhalten.« Ja, das ist Spannung, wie sie auch in einem deutschen Film oft vorkommt. Abgesehen davon, dass er diese Frage nie beantworten wird, visiert er hier ein absolut leicht zu erreichendes Ziel an, nämlich der Umgang mit einem Vier-Tore-Vorsprung und das Beibehalten von Konzentration.

    Als unmittelbar darauf das fünfte Tor folgt, überbietet sich Béla Réthy nun in sprachloser Dramatisierung. »Wahnsinn. Waaaaaahnsinn. Was geht denn hier ab.« Und mehr noch: Je unfassbarer der Spielverlauf wird, desto mehr werden Réthys Fakten zu Null-Informationen: »Deutschland – Brasilien. Fünf zu null. Es ist wahr. Sie träumen nicht. Es ist der 8. Juli 2014. Gleiche Höhe. Özil. Khedira. Völlig korrektes Tor. [Schweigen] Es ist ein WM-Halbfinale.«

    Weil Réthy über keine Metaphern verfügt, kann er die abstrakte Unglaublichkeit der Situation nicht in Worte ausdrücken. Und weil er die Ereignisse nicht narrativieren kann, kann er ihnen auch keine sinnstiftende Bedeutung zuweisen. Die Emotionen und Eindrücke, die die Zuschauer im ganzen Land erleben, finden in Béla Réthys Worten keinen Ausdruck. Das WM-Halbfinale bleibt in der Kommentierung ein Spektakel, das in distanziertes Erstaunen versetzt, aber wird keine Story, die uns emotional hineinzieht, weil es unsere eigenen Lebenserfahrungen reflektiert.

    Das Ende der Story?

    Wenn bereits nach dem vierten deutschen Tor selbst die unerfüllbare Fantasie der Brasilianer auf den Weltmeistertitel zerstört wurde, klingt das nach einem definitiven Ende der Geschichte. Was gibt es jetzt – nach fünf Toren – selbst für die Briten noch zu erzählen? Woher soll jetzt noch Spannung kommen? Sind nicht alle Fragen bereits beantwortet, und alle noch ausstehenden Antworten jetzt schon klar? Auch beim Zuschauer fällt spätestens jetzt die Spannung ab, es bleibt schierer Unglauben über dieses Spielergebnis zurück.

    In der Tat ist das eine verzwackte Situation, denn das Spiel wird noch weitere sechzig Minuten laufen. Wie sollen Sportkommentatoren da noch die erzählerische Spannung halten? Ist nicht alles schon auserzählt?

    Ja. Meint zumindest Béla Réthy: »Nach einer halben Stunde ziehen wir Reporter ganz gern mal so ein kleines Zwischenfazit. Jetzt können wir schon ein Endfazit ziehen hier.« Wenige Minuten später ist für den ZDF-Mann das immer noch laufende Spiel bereits Geschichte, für ihn ist Brasilien schon zu Hause: »Sie waren tolle Gastgeber. Sie waren eine sehr unangenehm zu spielende Mannschaft. Hier mit ihrem Kapitän, der heute gesperrt ist, Thiago Silva, aber daran lag es nicht. Insgesamt war Deutschland einfach besser strukturiert, organisiert«. (32. Minute) Réthy schafft es mit diesem letzten Satz sogar, Geschehen, die sich im absoluten Hier und Jetzt abspielen, einfach per Imperfekt in die Vergangenheit zu katapultieren und auch noch die letzte Luft aus einer erzählerischen und faktischen Spannung rauszulassen, so dass das Publikum mit Rèthy gemeinsam zum Stehen kommt.

    blog_Fussball_13

    Die Änderung des Hauptziels der Story

    Auch bei der BBC erklärt man die Frage nach Sieg und Niederlage hier für beantwortet: »Germany are basically already there [im Finale]«. Doch das bedeutet für die beiden Kommentatoren noch lange nicht, dass hier auch die Geschichte des Spiels zu Ende wäre. Sie finden sofort, wie sollte es auch anders sein, bereits nach dem vierten Tor, ein neues großes erzählerisches Ziel, das für die Brasilianer aus diesem niederschmetternden Spielstand folgt: »It’s about restoring pride now.«

    Einmal mehr beweisen die Briten ihre dramaturgische Kompetenz für eine Hauptfigur, deren dramatische Ziele sich verändern: Vom Traum des Weltmeistertitels zur puren Fantasie. Und nachdem auch diese vollständig vernichtet wurde, wird nun die Wiederherstellung des eigenen Stolzes und des Stolzes einer ganzen Nation das neue dramatische Ziel. Die Dramatik des ursprünglichen Konflikts hat sich solange erhöht, je schwerer das Problem zu lösen war. Als es schließlich tatsächlich unlösbar wird, ist das ursprüngliche Hauptziel nicht mehr erreichbar. An dieser Stelle ist es für alle, die spannende Geschichten erzählen wollen, inspirierend mitzuerleben, wie eine Figur auf dem Weg des Scheiterns auf ein neues großes dramatisches Story-Ziel ausgerichtet werden kann.

    Das Knüpfen von Bedeutungszusammenhängen kommt auch hier wieder zum Tragen: Die Frage nach dem »test of character« war nie final beantwortet worden, er ist immer noch in all seinem dramatischen Potential gültig: Werden die Brasilianer vielleicht doch noch einmal Charakterstärke zeigen und damit auch ihren verlorenen Stolz wiedergewinnen? Das erzählen uns die Briten in der zweiten Spielhälfte.

    Noch in der ersten Halbzeit nehmen uns die BBC-Kommentatoren mit auf Brasiliens dramatische Suche nach Charakterstärke und dem Rückgewinn ihres Stolzes und dem einer ganzen Nation. Es ist ganz offenbar ein schwerer und erzählerisch äußerst starker Konflikt: »You gotta have that strong backbone, and it’s missing from this team.« (27. Minute) Ein Kommentar mit doppelter Bedeutung, zielt er doch sowohl auf den gebrochenen Wirbel des brasilianischen Starstürmers Neymar ab, ohne den das Team nicht komplett scheint, als auch auf das charakterliche Rückgrat, das die Brasilianer jetzt so dringend benötigen und ohne Neymar (und ihren gesperrten Kapitän Thiago Silva) nur schwer bekommen können. Während Béla Réthy längst in der Vergangenheit stehengeblieben ist, spannen die Briten unsere Nervenfasern bereits aufs Neue an: »We fear for Brazil every time Germany get the ball, because they counter so quickly, if they want to.« (42. Minute)

    Um zu unterstreichen, dass sie es wirklich ernst meinen mit ihrem Storytelling, fokussieren die britischen Kommentatoren kurz vor der Pause nochmal explizit, worum es sich jetzt noch für die Brasilianer zu kämpfen und mitzufiebern lohnt: »Brazil … who can only salvage some tiny sliver of self respect from this game.« – »All what they are playing for now is pride.« Als die Kommentatoren zu Beginn der zweiten Halbzeit eine Tor-Statistik-Rekord zitieren, tun sie das in der Absicht, auch damit ganz klar zu definieren, mit wieviel Toren die Brasilianer ihren Stolz wiederherstellen könnten: »Good luck scoring three in the second half against Germany to keep that record intact«. Damit sieht dieses dramatische Ziel, wenn auch fern, doch nicht unerreichbar aus und zieht uns weiterhin mit rein »in search of some sort of honour«. (50./51. Minute)

    Höchststrafe ohne Drama

    Der deutschen Mannschaft gelingen durch den ›Edel-Joker‹ André Schürrle in der 69. und 79. Minute noch zwei weitere Tore, die der völligen Entzauberung des brasilianischen Teams erzählerisch jedoch nichts mehr hinzufügen. Allerdings führen sie dazu, dass irgendwann die brasilianischen Fans im Stadion von Belo Horizonte für die deutsche Mannschaft applaudieren. Béla Réthy beweist Interpretationsmut, als er diese Olé-Rufe als »Höchststrafe« (83.) bezeichnet.

    Doch es gibt hier keine Narration, auf die dieser Moment rückblickend Bezug nimmt. Béla Réthy gibt hier eine Antwort auf eine Frage, die er vorher nie gestellt hat. Es bleibt damit wieder bei einer punktuellen Bedeutungsgebung ohne Zusammenhang. Die »Höchstrafe« hat keinen dramatischen Konflikt, in den sie sich einordnen könnte.

    Wenn währenddessen die BBC-Kommentatoren die brasilianischen Fans deuten mit »They just stood and applauded the team that has dismantled their heroes limb from limb« (80. Minute) und von einer »absolute humiliation« (29. Minute) sprechen, ordnen sich diese Aussagen sofort in den Kontext von Charakter-Test und der Wiedergewinnung des eigenen Stolzes. Die brasilianischen Fans geben damit – in geradezu tragischer Weise – die gnadenlos verneinende Antwort auf die Frage, ob die Brasilianer wenigstens ihren Stolz noch einmal zurückgewinnen können. Wie gesagt: Jedes Ereignis steht in einem erzählerischen Sinnzusammenhang zum vorherigen.

    Das brasilianische Team schafft es bis zum Ende nicht, noch einmal eigene innere Stärke zu finden – weder, um sich in der ersten Spielhälfte nach einem hoffnungslos hohen Rückstand zurückzukämpfen, noch, um in der zweiten Spielhälfte persönlichen Stolz und sportliche Würde wiederherzustellen. So schließt sich bei der BBC in der 90. Minute nach sieben deutschen Toren folgerichtig und rund der Storybogen, die letzte offene Frage wird jetzt noch einmal eindeutig beantwortet: »A test of character that they have failed abysmally.«

    Das letzte Tor fällt – für Brasilien

    Die BBC-Kommentatoren haben während des gesamten Spiels durch Bedeutungsgebung und Kontextualisierung Gewichte auf die eine Seite der Waage gelegt. Als Oscar in der letzten Spielminute doch noch überraschend das einzige Tor für Brasilien schießt, bringt dieses Mini-Gewicht auf der anderen Seite die Waage vor den britischen Augen nicht mehr in Bewegung: »Oscar … scores the most pointless of worldcup goals.« (91. Minute) Für die Briten war es die Geschichte vom Zerplatzen eines Traums. Ein spätes Tor gegen unkonzentrierte und torgesättigte deutsche Spieler kann in dieser Narration nichts Positives mehr haben, sondern zeigt im Gegenteil die Sinnentleertheit eines solchen Treffers an. In der Bedeutungslosigkeit dieses Tors zeigt sich eine um so stärkere erzählerische Bedeutung, die uns in diesem Moment und mit dieser Geschichte vor Augen geführt wurde.

    Béla Réthy hat weder mit Waage noch Gewichten hantiert. Er hatte keine Story, keine Narration, mit der er nicht nur dieses letzte Ereignis im Spiel in Relation setzen kann. Vor seinen Augen tun sich höchstens einzelne Punkte ohne Verbindung und ohne Andockmöglichkeit auf. Das hat zur Folge, dass er Oscars Tor sogar ein »Gott sei Dank« abgewinnt. »Most pointless« vs. »Gott sei Dank« – das bringt den Kontrast zwischen Zusammenhang und Zusammenhanglosigkeit am Ende noch einmal auf den Punkt.

    So endet bei der BBC die Story vom WM-Halbinalspiel Brasilien-Deutschen mit einem letzten Kommentar: »Germany’s elation is matched by Brazil’s desolation«. In der Tat – es ist auch eine Geschichte des Chaos und der Verwüstung, wie wir noch sehen werden.

    Der abschließende Teil 3: Falling Apart wird schließlich untersuchen, wie eine Story dem Zuschauer durch einen großen Thematischen Konflikt etwas über die Welt an sich erzählt und wie das ›Thema‹ einer Geschichte diese erst wirklich rund und bedeutungsvoll macht.

    Katti Jisuk Seo & Mark Wachholz



  • Pingback: Fussball, Storytelling und der deutsche Film, Teil 1 – Neuer Deutscher Genrefilm()

  • Peer Hartog

    Großartig erzählt. Danke für den erhellenden Beitrag!

    0
  • Christian Schlosser

    Ich habe jetzt jeden Tag hier auf den zweiten Teil des Essays gewartet. Es hat sich gelohnt. Grandiose Arbeit.

    0
  • Daniel B.

    Erneut ein großartier Artikel. Ich warte nur noch auf die Erwähnung von Herbert Zimmermann, dessen Kommentar zum Bern-Finale vermutlich noch prägender war als das Finale selbst (siehe u.a. das herausragende Buch „Tor! A Story of German Football“, das Spuren dieses Kommentars noch in den WM-Triumphen 2010 und im Champions-League-Triumph 2013 nachverfolgt). Der konnte das noch mit dem voraussschauenden Kommentieren: „Aus dem Hintergrund müßte Rahn schießen. Rahn schießt.“

    0
    • Mark Wachholz

      Absolut! Und hat sich sofort ins deutsche Fußballgedächtnis geschrieben. 🙂

      0
  • vandalin

    sehr guter text, in der tat. das grundproblem des deutschen films und der deutschen fußballkommentatoren sehr gut in beziehung zueinander gestellt. allerdings wird auf einen nicht ganz unwichtigen punkt nicht eingegangen: nähe und distanz zum geschehen. denn rethy ist deutscher und kommentiert als deutscher ein spiel der deutschen mannschaft auf einem deutschen sender für ein deutsches publikum – noch dazu ein so wichtiges. da ist man automatisch näher dran und es fällt einem schwerer, einen schritt zurücktreten, um größere zusammenhänge zu deuten. ich wage mal die these, dass der bbc-kommentar auch etwas anders und womöglich faktenhuberischer ausgefallen wäre, wenn die englische mannschaft gespielt hätte und zum beispiel rooney sein fünftes turniertor geschossen hätte.

    0
    • Mark Wachholz

      Hallo Vandalin,

      richtig, das haben wir für die Untersuchung bewusst ausgeklammert. Ich glaube auch, dass das ein nicht unwichtiger Faktor ist. Allerdings hat die Idee für dieses Essay seinen Ursprung im Spiel Deutschland:England bei der WM 2010 (das Deutschland mit 4:1 gewann, ein für beide Mannschaften ähnlich dramatisches Spiel wie das gegen Brasilien in diesem Jahr). Auch dort war die BBC-Kommentierung mitreißend und metaphorisch-emotional.

      Ich finde es sogar erstaunlich, dass die deutsche Kommentierung von deutschen Spielen zwar einerseits, wie du schreibst, „näher dran“ sein müsste, sich aber eigentlich eher stark (emotional) distanziert zeigt: kontrolliert, auf Richtigkeit bedacht, versucht objektiv zu sein usw. Zumindest emotional sind viele Kommentatoren meiner Beobachtung nach nicht „näher dran“ und versuchen, Distanz zum Geschehen wahren. (Und wenn es dann doch mal emotional wird, kann es schnell verkrampft und wiederholend wirken – wie beim Final-Spiel gegen Argentinien.)

      liebe Grüße, Mark

      0
  • Pingback: Fussball, Storytelling und der deutsche Film, Teil 3 – Neuer Deutscher Genrefilm()

  • Pingback: Leseempfehlung | liga.parkdrei.de()