1. Drei Säulen für Charlie

    07.12.2017 /// /


    Immer wieder stellt sich die Frage, wie der Begriff „Genrefilm“ am besten definieren lassen würde. Ein Versuch.

    Als eine Person, die schon immer visuell ausgerichtet war und informative Schaubilder, Skalen und Diagramme genauso gerne betrachtet wie Fotografien und Kunstwerke, ist es vermutlich nicht verwunderlich, dass mir eine grafische Darstellung in der Genrefilm-Definitionsfrage schon immer als hilfreiche Unterstützung erschien. (Siehe hierzu zum Beispiel das Dreiecksmodell zur Verortung von Filmen zwischen Genrefilm, Arthouse und Mainstream – welches dann auch schnell in eine Flächenform weitergedacht wurde, um die verschiedenen möglichen Gewichtungen optisch deutlicher zu kommunizieren.)

    Schwer von Begriff

    Aber kommen wir erst einmal zur Ausgangssituation. Im Laufe der vergangenen Jahre wurden Mitstreiter wie Paul Andexel und Krystof Zlatnik von der Genrenale oder befreundete Filmemacher auf Veranstaltungen immer wieder gefragt, was denn nun genau ein Genrefilm ist. Unsere Antwort für die Belange des Neuen Deutschen Genrefilms orientiert sich stark am „genre movie“ Begriff aus dem angloamerikanischen Raum:

    Im Laufe der Filmkunstgeschichte haben sich zahlreiche bekannte Genres herausgebildet, die bestimmten, leicht wiedererkennbaren Grundmustern und -szenarien folgen. Im Grunde ist so gut wie jeder Film irgendeinem Genre zuzuordnen, doch es gibt einen bestimmten Kreis an Filmgenres, die besonders einprägsam, erfolgreich und in gewisser Weise in sich wesensverwandt sind: Science Fiction, Fantasy, Horror, Action, Thriller, Dark Drama, Mystery. Filme, welche solchen Kerngenres zuzuordnen sind, werden als „Genrefilme“ bezeichnet.

    Daraus lässt sich ablesen, weshalb der Neue Deutsche Genrefilm nicht der Neue Deutsche Phantastische Film ist. Die Phantastik umfasst Science-Fiction, Fantasy und Horror. (Mystery gehört in der deutschen Lesart auch dazu, steht im angloamerikanischen Kulturraum aber eigentlich für Detektiv- und Rätselgeschichten.) Andere zentrale Genres wie Action und Thriller würden bei einem Fokus auf den Phantastischen Film herausfallen, so wie auch wesensverwandte Genres wie der Western oder der Abenteuerfilm.

    Das klassische Gegenargument lautet, dass die Komödie doch auch ein festes Genre mit festem Publikum sei. Oder das Musical. Und das stimmt. Auch der angloamerikanische Ursprungsbegriff lässt sich theoretisch darauf anwenden. In der Praxis und aus der historischen Marktentwicklung heraus hat sich jedoch genau die Begriffsverwendung herauskristallisiert, wie sie auch von uns übernommen wurde. Es hat sich nachhaltig erwiesen, dass die bereits genannten Genres in der Publikumsfindung eine sehr hohe Überschneidung aufweisen. Kein Zufall daher, dass sich auf der ganzen Welt Genre-Filmfestivals mit stark homogener Ausrichtung etabliert haben, und eine separate, eigenständige Filmindustrie dafür. Die begriffliche Fixierung auf die Phantastik (ein Sammelbegriff, der im Angloamerikanischen im übrigen gar nicht existiert) hat sich in der amerikanisch dominierten Filmwirtschaft inzwischen insofern eigentlich überlebt und als zu engmaschig erwiesen, steckt aber immer noch in den Namen der meisten kontinentaleuropäischen Genrefilmfestivals wie dem deutschen Fantasy Filmfest oder den zahlreichen Mitgliedern des Méliès-Verbunds.

    Nur weil der Begriff aus den USA stammt, und sich als sinnvoll erwiesen hat, muss das aber nicht heißen, dass er in sich schlüssig und ohne Lücken ist. Immer wieder stößt man an Grenzen der bisherigen Definitionen, so wie auch neulich auf dem „Filmz – Festival des deutschen Kinos“ in Mainz im Rahmen des Themenschwerpunkts „Fantastisches in dunklen Sälen“. Einer der Vorträge befasste sich mit dem deutschen Film „Die Vermissten“ (2012), der formal und stilistisch wie ein typisches am Realismus orientiertes Arthouse-Drama inszeniert ist, vom Topos und Setting her jedoch ein klar dystopisches Endzeit-Sujet aufgreift und behandelt. In der Alternativwelt von „Die Vermissten“ entziehen sich die Kinder und Jugendlichen ihren Eltern und leben getrennt von den Erwachsenen. Es gibt keine Kommunikation mehr zwischen den Generationen, es kommt zu Abgrenzung und auch Gewalt. Eindeutig Science-Fiction also, beziehungsweise das Subgenre Social Fiction. Ergo ein phantastischer Film. Aber ein Genrefilm? Würde „Die Vermissten“ auf der Genrenale laufen, beim Fantasy Filmfest oder internationalen Genrefilmfestivals? Eher nicht – aber woran genau lässt sich das bemessen?

    Hier lohnt sich ein Vergleich des deutschen und des internationalen Trailers. Während der deutsche Trailer den Film fast eins zu eins in seiner Erzählweise und seiner Grundhaltung wiedergibt, verdichtet der internationale Trailer die Geschichte auf ihren narrativen Kern und stellt die wenigen Konfliktsituationen des Films gegenüber. Ein Versprechen, welches der Film dann jedoch nicht einhält, und weswegen ein typisches Genrefilm-Publikum ihn in aller Voraussicht ablehnen würde. Woraus dieses Versprechen konkret besteht, das gilt es herauszufinden.

    Aber schauen wir uns zum Vergleich einen anderen Grenzgänger an, der in internen Diskussionen in der Facebook-Gruppe des Neuen Deutschen Genrefilm auftauchte: „Her“ (2013), ein romantisches Science-Fiction-Drama, in welchem sich ein Mann in eine künstliche Intelligenz verliebt. Erzählerisch im Kern ein Liebesdrama, aber eben aufgrund der technologischen Komponente und einem Nahe-Zukunft-Setting auch eindeutig Science-Fiction. Kämpferische Konflikte und Gewalt spielen keine Rolle, die technischen Aspekte treten stark in den Hintergrund gegenüber dem zwischenmenschlichen Fokus – wieder also vor allem ein Vertreter der Social Fiction. Würde der Film auf dem Fantasy Filmfest laufen? Nach eigener Auskunft würde er es. Auch Filme wie „Perfect Sense“ und „The Lobster“ wurden bereits gezeigt. Und auch bei der Genrenale und innerhalb der NDG-Diskussionsgruppe ergab sich ein eindeutiges Befürworten. Was also haben diese grenzgängerischen Filme, was „Die Vermissten“ nicht hat?

    Es zeigt sich auf jeden Fall, dass eine strikte Orientierung an Genres im Zweifelsfall nicht ausreicht. Ein Film kann gleichzeitig Science-Fiction und dennoch kein Genrefilm im gemeinten Sinne sein. Dementsprechend ergänzte die Genrenale daraufhin ihre Definition auf der Festival-Website vor einem Jahr mit folgenden Worten:

    Beim Genrefilm geht es um das “Erleben”, es geht um das “Spüren”, um das “Austesten” von Grenzen. Genrefilme sind “Larger than Life”, spielen mit der filmischen Übertreibung, den “Senses of Wonders” und regen die Phantasie an. Genrefilme fordern uns und unsere Vorstellungskraft heraus, lassen uns Geisterbahn fahren, andere Welten erleben, extreme Situationen austesten, unterhalten auf einem hohen Level und konfrontieren uns mit existentiellen und gesellschaftlichen Fragen, ohne mit erhobenem Zeigefinger eine Antwort präsentieren zu müssen. Dabei nutzt er auf ganz besondere Art und Weise alle Möglichkeiten des Kinos, von der Bildgestaltung bis zum Sounddesign und der Musik. Als Filmform funktioniert er viel direkter und kann mit einer jüngeren Generation in Dialog treten. Genrefilme unterhalten uns, sorgen dafür, dass wir ins Kino gehen und diese Filme auf der größtmöglichten Leinwand genießen und erleben wollen.

    Für die Kommunikation mit dem Publikum, anderen Filmemachern und Fachinteressierten ist diese Beschreibung wunderbar geeignet. Wie aber könnte sich das in ein nicht zu kompliziertes Modell verdichten lassen, das lückensicherer und auch direkt visuell präsentierbar wäre?

    Säulen der Freiheit

    Und damit sind wir bei den folgenden drei Säulen, auf denen der Genrefilm aus meiner Sicht fußt:

    ESKAPISMUS – Wie sehr lösen wir uns in der Wahrnehmung und im Erleben von der Alltagsrealität?
    PHANTASTIK – Wie weit ist die Erzählung inhaltlich von der Realität entfernt?
    PERFORMANZ – Wie sehr nimmt uns der Film körperlich durch die Mangel?

    Vorab soll aber gleich gesagt sein, dass es hier nicht um Qualität geht. Ob ein Film funktioniert, begeistert, unterhält und mitreißt hat mit völlig anderen Faktoren zu tun. Ein höherer Ausschlag in Sachen Phantastik sagt in Sachen Wertigkeit nicht mehr aus als zum Beispiel ein hoher Anteil an Filmmusik oder eine häufige Verwendung der Farbe Lila im Film. Es geht hier nur um die Kategorisierung, was natürlich auch eine eher akademische Frage ist und den Otto-Normalverbraucher kaum tangiert. Außerdem sind diese drei Skalen auch völlig subjektiv. Wo man 100% ansetzt und wo 50%, ist persönlich abhängig wie in allen Bewertungsmodellen. Es gibt Menschen, die auf IMDb nur ganz wenigen Favoriten die Bestnote geben, und es gibt Menschen, die praktisch jedem Film, der ihnen voll und ganz gefällt, die 10 Punkte geben. Ein absolut exaktes Ergebnis ist also von Vornherein nicht zu erwarten. Da die drei Skalen im Gegensatz zu einer allgemeinen Benotung aber an konkrete Inhalte verknüpft sind, ergibt sich mit Hilfe dieses Modells eine Veranschaulichungsmöglichkeit der Genrefilm-Bandbreite.

     
    Eskapismus [Wahrnehmungsebene]

    In der ersten Säule vereinigen sich alle stilistischen und formalen Elemente des Films, welche den Zuschauer von einer wahrheitsgetreuen, exakt realistischen Darstellung der Realität lösen. Dies umfasst alle visuellen Ebenen, wie zum Beispiel die Wahl der Kamera-Objektive, Blickwinkel, die Farbgebung, das Szenenbild, aber auch Einsatz und Ausgestaltung von Sounddesign und Filmmusik. Kennzeichnend für viele Genrefilme sind durchkomponierte, fokussiert zielgerichtete audiovisuelle Sinneswelten. Das Wirkungsziel ist die Entführung des Zuschauers in die überhöhte, thematisch aufgeladene Welt des Films. Auch bei überbordender Intensität der Wirklichkeitsverfremdung liegt der Sinn in einer Reduktion auf das Wesentliche – den symbolischen Transport des Wesenskerns der Erzählung über alle verfügbaren filmischen Kanäle.
    Historisch wurde der Eskapismusbegriff als negatives Argument gegen das Phantastische angwendet, was auch bis heute ein beliebter Vorwurf ist. Aber genau deswegen erscheint es mir sinnig diesen Begriff aufzugreifen und als positives Wesensmerkmal zu etablieren.
    Ansonsten sei noch anzumerken, dass Animationsfilme aufgrund ihres integralen symbolhaften Stils automatisch hohe eskapistische Werte erzielen, aber da sie aufgrund ihrer Machart eine ganz eigene Filmgattung darstellen, werden sie hier keine Berücksichtigung finden.

    Hohes Maß Mittleres Maß Geringes Maß Fehlanzeige / Nur rudimentär
    Matrix Gravity Her Primer
    Pans Labyrinth Twelve Monkeys Midnight Special Melancholia
    Mad Max: Fury Road Who Am I Sicario Ich seh, Ich seh
    Batman Forever The Dark Knight Dunkirk Yella

     
    Phantastik [Inhaltliche Ebene]

    Im Kern werden hiermit die erzählerischen und motivischen Versprechungen und Fragestellungen der drei phantastischen Genres Science-Fiction, Fantasy und Horror abgebildet, jedoch nicht ausschließlich. Auch Thriller und Actionfilme können Formen des Phantastischen aufweisen. Zum Beispiel, wenn wie in „John Wick“ oder bei James Bond schier übermächtige Schattenorganisationen existieren, oder wenn wie in „No Country for Old Men“ ein unerklärlicher, unwirklicher Charakter wie Anton Chigurh derart allegorisch und mythologisch aufgeladen ist, dass er kaum noch als gewöhnlicher Mensch betrachtet werden kann. Im Vergleich zu „Star Wars“, wo es eine alles durchströmende „Macht“ gibt und die Existenz der Erde und der kompletten Menschheitsgeschichte fragwürdig ist, sind das aber natürlich nur geringe Ausschläge.

    Hohes Maß Mittleres Maß Geringes Maß Fehlanzeige / Nur rudimentär
    Sleepy Hollow The Witch Blair Witch Project Psycho
    Der Herr der Ringe Wir sind die Nacht Perfect Sense The Invitation
    Das fünfte Element The Fountain Django Unchained Das finstere Tal
    Alien Planet der Affen: Prevolution Die fabelhafte Welt der Amelie Titanic

     
    Performanz [Sensation]

    Unter diesem Stichwort sammeln sich nach Dr. Marcus Stiglegger in seiner Seduktionstheorie alle Maßnahmen, die dem Film eine von Intensität geprägte, unmittelbare körperlich-sinnliche Affektwirkung verleihen. Lust, Ekel, Angst und Grauen sind hier zuvorderst zu nennen. Während Actionszenen und Verfolgungsjagden die Lust an Geschwindigkeit und am Kampf bedienen, stellen explizit abgefilmte Gewaltszenen im Horrorfilm eine Herausforderung an den Zuschauer im Sinne eines Wettkampfs dar: Kann man den Anblick ertragen oder nicht? Stichwort: Terrorkino.
    Auch jenseits von Action und Horror finden sich performative Elemente. Allein durch Bildmotive, durch Schnittrhythmus und Musikwahl lassen sich performative Sensationen kreieren, wie zum Beispiel in Form von fieberhaften Traumsequenzen oder völlig realitätsgetreuen, aber intensiven (Natur-)Impressionen.
    Ein beliebter Fehler ist es Performanz mit Spannung gleichzusetzen. Ob ein Film „spannend“ war, hat sehr viel mehr mit Drehbuchqualität, Regieleistung, Schauspieler, Schnitt, etc. zu tun – was alle Filme gleichermaßen betrifft. Spannung ist zudem ein wahnsinnig diffuser Begriff. Man kann auch ein 5 Minuten lang stehendes Bild spannend finden, weil man gespannt darauf ist, was als nächstes passiert, wann endlich der Schnitt kommt und was der oder die Filmemacherin einem damit sagen will. Aber niemand kann behaupten, dass die 5-Minuten-Aufnahme einer langsam sprießenden Sojabohne performativ ist.

    Hohes Maß Mittleres Maß Geringes Maß Fehlanzeige / Nur rudimentär
    World War Z I Am Legend The Road Unheimliche Begegnung der dritten Art
    Green Room Sin City So finster die Nacht Toni Erdmann
    Mad Max: Fury Road Terminator 2 Ex Machina Transfer
    High Tension Oldboy Die Vierhändige Willkommen bei den Sch’tis

    Beispiele

    Je größer die Ausschläge, umso eher handelt es sich demnach um einen Genrefilm. Ein Film, der auf allen drei Skalen hohe Werte vorzuweisen hat, ist mit nahezu grenzenloser Wahrscheinlichkeit ein Genrefilm. Ein Film, der auf keiner der drei Posten etwas zu verzeichnen hat, kann wiederum kaum als Genrefilm im Sinne des angloamerikanischen//internationalen „genre movie“ gelten.

    Bei den eindeutigen Genrefilmen dürfte es kaum Streit geben, spannend sind die Grenzgänger, bei denen man sich schwer tut. Entweder, weil die Ausschläge eher gering sind und/oder eine oder gar zwei der Skalen auf Null stehen. Oder wenn, wie im Falle bestimmter Kriegs- und Religionsfilme, erzählerische, kulturelle und marketingtechnische Gründe (Stichwort: Pietät) dazu führen, dass solche Filme trotz ähnlicher Merkmale nicht als Genrefilme angesprochen werden.

    Absolut lückensicher kann dieses Modell nicht sein. Das ganze muss als ein kommunikativer Prozess verstanden werden, der auch stets nur eine Momentaufnahme sein kann. Die hier vorliegenden Beispiele sind lediglich meine persönlichen Einschätzungen. Abweichende Meinungen kann ich gerne sammeln und dann vielleicht grafisch darstellen. Die kollektive subjektive Unschärfe dürfte ab einer gewissen Fallzahl jedoch vermutlich zu vernachlässigen sein. Es wäre daher spannend dieses Experiment wirklich einmal im großen Stil durchzuführen und zu sehen, was dabei am Ende herauskommen würde. Zum Beispiel, indem man in ein Dutzend Städten der Welt jeweils 300 Erwachsene verschiedenen Alters, die regelmäßige Kinogänger sind, in ein Kino einlädt und ihnen Filme vorführt. Einmal „Mad Max: Fury Road“ und einmal „Toni Erdmann“ vielleicht. Und danach erhalten sie einen Fragebogen, auf dem sie nach ausführlicher Einführung und Erläuterung das Gesehene in Sachen Eskapismus, Phantastik und Performanz auf einer Skala von 1 bis 10 einstufen sollen – verglichen mit allen Filmen und Serien, die sie bisher gesehen haben.

    Es würde zwei Ergebniswolken erzeugen, die jeweils nicht exakt wären, aber dennoch vermutlich zu zwei sichtbaren, klar umrissenen Feldern führen würden. Setzt man diese Befragung dann über mehrere Jahre fort, könnte sich die drei hier vorgeschlagenen Wesensmerkmale für die begriffliche Definition des Genrefilms als nachhaltig hilfreich erweisen.

    Generationenfrage

    Wo die Grenze zwischen Genrefilm und Nicht-Genrefilm gezogen wird, bleibt bei allen Veranschaulichungsansätzen am Ende auch eine Frage der zeitlichen Sozialisierung. Auf dem oben erwähnten Filmz-Symposium in Mainz zeigte sich zum Beispiel eine unterschiedliche Sozialisierung unter den anwesenden geladenen Gästen, die aufgrund des „Generation Gap“ zu einem unterschiedlichen Gebrauch des Genrefilm-Begriffs führt. Johannes F. Sievert (* 1968), der zusammen mit Dominik Graf die Dokumentationen „Verbotene Liebe Deutscher Film“ und „Offene Wunde Deutscher Film“ erarbeitete, und Dr. Marcus Stiglegger (* 1971) wuchsen mit dem verwilderten, exploitativen Bahnhofskino-Genrefilm auf, den es in den 70er bis in die 80er Jahre hinein gegeben hat. Diese B-Movies stammten vor allem aus Europa, insbesondere Italien, und gingen mitunter fließend in die zu dieser Zeit ebenfalls sehr erfolgreichen Erotik- und Sexfilme über. Genrenale-Programmchef Krystof Zlatnik (* 1980) und meiner einer (* 1982) wurden dagegen vor allem durch die 80er und 90er Jahre geprägt, in welchen der Genrefilm im Mainstream ankam, und vor allem aus den USA, Westeuropa und Japan kam. Exploitative, insbesondere pornographische Filme finden seitdem kaum noch im Kino statt.

    Grundsätzlich sollten ältere Filme aus der Warte ihrer damaligen Zeit heraus betrachtet werden. Das Tempo von Schnitt und Erzählung, das Erlaubte an Motiven, die Grenzen des Ertragbaren, das hat sich alles natürlich im Laufe der Jahrzehnte verändert. Genrefilme der 20er Jahre funktionieren für ein heutiges Publikum entsprechend kaum noch. Die Versprechungen mögen zwar überwiegend dieselben sein, aber die Umsetzung erfüllt nicht mehr die heutigen Ansprüche. Das zeigt, weswegen es für heutige Generationen schwierig ist, an vergangene goldene Zeiten anzuknüpfen, so golden sie auch gewesen sein mögen. Der Ball ist eben längst weiter gerollt. Und mit ihm der Markt und das Publikum.

    Umso wichtiger ist es für die weitere Zukunft, dass man sich gerade in Deutschland Gedanken darüber macht, welche konkreten Verheißungen und Erfüllungen im angloamerikanischen/internationalen Genrefilm-Begriff stecken. Und sich fragt, was genau im deutschen Film (und deutschen Genrefilm-Gehversuchen) oftmals fehlt, um eben jenes Publikum erobern und mit der Konkurrenz mithalten zu können. In den USA wird man sich diesen Fragen mangels Schieflage nicht stellen, auch wenn Nachwuchsfilmemacher dort genauso über den unklaren Genrefilm-Begriff stolpern, so wie wir es tun.

    Der Begriff atmet aber und er muss auch atmen. Das hier vorgestellte Modell soll keine festgezurrte Eingrenzung und auch keine konkret-faktische Anleitung darstellen. Im Gegenteil, es soll zum Nachdenken animieren und zum Kommunizieren anstoßen. Es soll auch bewusst machen, dass die Grenzen des Begriffs, bei aller theoretisch möglichen Klarheit im Kern, weich sind und immer weich bleiben werden. Der Genrefilm wird auch weiterhin im ständigen Wechselwirken zwischen Publikum, Filmwirtschaft und den Kreativen immer wieder neu definiert werden. Ich hoffe, dass dieser Artikel einen Beitrag dazu leisten kann ein bisschen mehr Griffigkeit einzubringen und freue mich über Feedback und Gedanken.