1. Die Geister, die wir riefen

    20.02.2013 ///

    Lassen wir nach Dominik Graf drei weitere Regisseure aus der deutschen Filmlandschaft zu Worte kommen – der eine ein alternder Independent-Guerillero, der andere ein Vertreter der Berliner Schule im mittleren Alter und der dritte im Bunde ein aufstrebendes, frisches Talent.

     

    Klaus Lemke ist ein Rebell, ein Maverick, ein Freigeist. Man mag von seinen Filmproduktionen halten was man will – doch seine brachiale, fundamentale Kritik am deutschen Filmfördersystem trifft oft ins Schwarze. Vor drei Jahren veröffentlichte er folgendes Manifest – das sogenannte Hamburger Manifest – wider den staatlich finanzierten Film:

    „Papas Staatskino ist tot“

    "WIR BAUEN DIE SCHÖNSTEN AUTOS.
    WIR HABEN DIE SCHÖNSTEN FRAUEN.
    ABER UNSERE FILME SIND WIE GRABSTEINE.
    BRAV. BANAL. BEGÜTIGEND. GOETHEINSTITUT."

    Zwei Jahre später gab es in den deutschen Medien eine Debatte über Sinn und Unsinn von Kulturförderung, es ging um subventionierte Orchester, Schauspiel- und Opernhäuser und natürlich auch den Film. Christoph Hochhäusler, seines Zeichens Regisseur und Drehbuchautor der sogenannten Berliner Schule, sowie Mitherausgeber des Filmkunstmagazins Revolver, nahm dies zum Anlass, um das Thema von seiner Warte aus zu beleuchten. Herausgekommen ist zwar grundsätzlich eine Verteidigung des herrschenden Systems, doch in zahlreichen Äußerungen lässt sich auch eine differenziert selbstreflektive und kritische Betrachtung des ganzen erkennen. So wirklich geheuer scheint ihm das ganze auch nicht zu sein:

    „Mit Demokratie hat Kunst nichts am Hut“

    "Denn auch wenn manchmal so getan wird: Niemand glaubt, dass die öffentliche Hand eine Filmindustrie hervorbringen wird, die eines Tages selbst laufen lernt und Hollywood Paroli bietet."

    „Platz finden kann man schließlich auch, wenn man d) künstlerisch erfolgreich ist, im Sinne einer gewissen Resonanz bei Kritik, Festivals, Preisen. Letzteres ist mein „Ticket“, zur Zeit. Ich habe Freunde, die nicht so gut wie ich in die Kategorie passen. Obwohl: Freunde? Wie lange noch werden sie mein schlechtes Gewissen ertragen und ich ihre Bitterkeit?“

    „Wer alimentiert wird, entwickelt eine starke Beißhemmung gegen jene, die auch alimentiert werden. Die Heuchler und die Blinden überleben. Es gibt Ausnahmen. Man sieht sich selbst als Ausnahme. Ich habe vier lange Spielfilme gemacht, drei davon „im System“. Viele sagen, der Film „ohne“ sei mein bester. Es könnte Zufall sein.“
    Und nun der Sprung in die jüngste Vergangenheit – Thomas Arslan (der zuvor mit „Im Schatten“ einen beeindruckenden als Arthouse-Film getarnten Genrefilm hingelegt hatte) enttäuschte bei der diesjährigen Berlinale mit seinem Arthouse-Western „Gold“ auf ganzer Linie und erhielt vernichtende Kritiken aus allen Himmelsrichtungen. Dietrich Brüggemann, junger aufstrebender Regisseur („3 Zimmer/Küche/Bad“), der derzeit zwischen verkopftem Arthouse und tumber Unterhaltung seinen eigenen Weg sucht, ließ sich daraufhin zu folgender Streitschrift hinreißen:

    „Fahr zur Hölle, Berliner Schule“

    "Wir hatten in Deutschland schon mal eine Zeit, in der Autorenfilmer ihr Publikum erst gequält und dann verjagt haben, danach kam eine Zeit, in der es nur bodenlosen Unterhaltungsmüll gab, und jetzt? Hurra, jetzt haben wir beides gleichzeitig."

    „Wo genau liegt eigentlich die künstlerische Individualität, wenn hundert Filme alle gleich aussehen? Und was ist das überhaupt für eine dämliche Kultur, in der man diese Simulation von Kino gut finden muß, weil es ansonsten ja nur noch den gräßlichen Mainstream gibt? Die Leute, die kluge Unterhaltung konnten, die haben wir ja vor 80 Jahren alle rausgeschmissen, und aus ihren Arbeiten besteht die interessanteste Sektion dieser Berlinale. Aber sind inzwischen keine nachgewachsen? Oder konnten sie sich nicht entfalten und haben irgendwann frustriert aufgehört, weil in Deutschland ja alles entweder todernst und tonnenschwer sein muß oder halt vor lauter Dämlichkeit stinken? Und weil sowieso niemand als Eremit Filme macht, sondern es eine Kultur braucht, in der man aufwächst?“

    „Es geht um eine Kultur, die zu einer Monokultur geworden ist.“

    „Dabei gibt es sie, die Leute, die hierzulande in der Lage sind, aufregendes, böses, prächtiges, unverschämtes Kino herzustellen. Einige rotten sich gerade in meinem Freundeskreis zusammen, vielleicht schreiben wir demnächst ein Manifest oder nageln ein paar Thesen irgendwohin. Vielleicht ist dieser Text auch schon unser Gründungsmanifest.“
    Vergangenheit. Gegenwart. Zukunft. Es tut sich etwas. Endlich wird nach Veränderung gerufen.
    Wir vom Neuen Deutschen Genrefilm stimmen mit ein. So laut wie wir können.